Vergleiche mit der Wirtschaftskrise der 30er-Jahre sind in den USA derzeit gang und gäbe, aber ein zentraler Unterschied wird meist übersehen: Heute sind die USA der größte Nettoimporteur von Gütern aus aller Welt. Vor der Großen Depression aber waren sie Nettoexporteur, und ein wichtiger Grund für die Tiefe und Hartnäckigkeit der amerikanischen Krise war, dass der hoch entwickelten US-Industrie weltweit die Absatzmärkte wegbrachen.
In der Lage, in der die USA damals steckten, befindet sich heute China. Seine Wirtschaft ist vor allem dank boomender Exporte rasant gewachsen. China wurde zur "Fabrik der Welt" - aber es erlebt jetzt plötzlich, dass wichtige Kunden nichts mehr kaufen können, weil sie sich finanziell übernommen haben. Insbesondere der Einbruch in den USA trifft den Großlieferanten China hart.
Für die Führung der Volksrepublik ist das nicht nur ein ökonomisches, sondern auch ein existenzielles politisches Problem. Die Fabriken, in denen für den Weltmarkt produziert wird, haben Millionen von Arbeitskräften aus abgelegenen Regionen aufgenommen, die in der Landwirtschaft nur eine kümmerliche Perspektive hatten. Nun brechen diese Fabrikjobs weg, und es gibt kein verlässliches soziales Sicherungssystem, das die Misere mildern könnte. Unruhen sind absehbar.
Allein mit Polizei und Militär wird sich diese explosive Situation nicht dauerhaft unter Kontrolle halten lassen. China braucht vor allem die richtige Wirtschaftspolitik. Der Schock für den Exportsektor lässt sich nur abfedern, indem jetzt entschlossen die Inlandsnachfrage angekurbelt wird.
Inländischer Konsum schwach
Da der inländische Konsum noch immer sehr bescheiden ist, würde allerdings selbst eine chinesische Konsumparty kaum reichen, um alle Kapazitäten in Chinas Fabriken wieder voll auszulasten. Die Volksrepublik braucht zusätzliche Investitionsprogramme, durch die jene Arbeitskräfte wieder Beschäftigung finden können, deren Industriejobs nicht zu halten sind.
Die gute Nachricht ist, dass das der Führung in Peking offenbar völlig klar ist. Während sie auf der einen Seite ihren Sicherheitsapparat auf Loyalität einschwört, hat sie auf der anderen Seite ein riesiges Konjunkturprogramm angeschoben und denkt sogar schon wieder darüber nach, dieses weiter aufzustocken. Was China jetzt braucht, um seine Erfolge zu sichern, ist nicht maoistische Repression, sondern keynesianische Expansion.