Bis heute gibt es in vielen Kulturen feste Trauerrituale, bei denen Angehörige oder sogar dafür bezahlte Fremde angesichts eines Todesfalls lautstark weinen und wehklagen. Das wirkt auf Außenstehende oft bizarr, erfüllt jedoch eine wichtige gesellschaftliche Aufgabe: Es gibt dem Schrecken und der Ohnmacht einen Rahmen.
Die Moderne hat sich von Religion und traditionellen Formen distanziert. Die Flut von Stellungnahmen und Vorschlägen, die nach schrecklichen Ereignissen zuverlässig einsetzt, ist aber noch am ehesten zu verstehen als ein Ritual der Informationsgesellschaft.
Auch nach dem Amoklauf von Winnenden nimmt eine sogenannte "Debatte" ihren Lauf. Politiker fordern, die Waffengesetze zu verschärfen oder Metalldetektoren in Schulen anzubringen. Lehrerverbände plädieren dafür, den Zugang zu "gewaltverherrlichenden Medien" zu erschweren oder diese gleich ganz zu verbieten. Der Chef der Polizeigewerkschaft verlangt Chipkarten und Ausweise, um den Zutritt zu Schulen zu kontrollieren.
Ähnlich wie in den ritualisierten Klagen ergeben auch diese sich stets wiederholenden Äußerungen im Grunde keinen inhaltlichen Sinn: Nichts davon wäre geeignet, eine Tat wie die von Winnenden zu verhindern. Vieles ließe sich in einer freien Gesellschaft nicht einmal wirklich durchsetzen.
Das wissen auch die meisten derjenigen, die nun die Diskussion führen. Sie sind sich oft genug im Klaren, dass ihre Forderungen zu nichts führen werden. Aber sie bedienen eben ein Bedürfnis der Medien nach Material, das nach einem emotionalen Schock wie diesem Amoklauf groß ist.
Die vorhersehbaren Wortmeldungen erhalten die Illusion aufrecht, dass die Gesellschaft einer solchen Tat gewachsen ist und angemessen auf sie reagieren kann. Sie haben daher auch eine tröstende Funktion. Das Geschnatter im Internet, ein Gemisch aus Wahrem, Halbwahrem und Falschmeldungen, erfüllt dieselbe Aufgabe.
Denn eines kann die Infogesellschaft auch nach einer unfassbaren Tat wie dieser niemals tun: schweigen.