Bislang war die Hoffnung auf einen baldigen Aufschwung nur ein bloßes Gefühl. Seit Dienstag gibt es jenseits der reinen Stimmungsindikatoren endlich auch harte Fakten aus der Realwirtschaft, die auf die ersehnte Wende hindeuten. Der hohe Anstieg der Auftragseingänge in der deutschen Industrie ist ein klares Signal dafür, dass es mit der Wirtschaft schneller nach oben gehen könnte, als in den finsteren Krisenmonaten zu befürchten war.
Ob es nach dem Absturz tatsächlich zu einem V-förmigen Konjunkturverlauf mit kraftvollem Aufschwung kommt, kann zwar noch niemand sagen. Es mehren sich aber die Anzeichen, dass das von vielen befürchtete L-Szenario mit einer langen Stagnationsphase ausbleibt.
So wichtig die jüngsten Signale auch sind, sie dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Aufschwung zerbrechlich sein wird. Sicherlich sind Indikatoren wie aktuell der Auftragseingang ein Beleg dafür, dass selbst in der großen Krise die Gesetzmäßigkeiten früherer Konjunkturzyklen weiter Gültigkeit haben - etwa jene, dass nach dem Abbau der Lagerbestände die Produktion wieder anziehen muss. Dennoch ist die Erholung gerade nach einer derart scharfen globalen Rezession außergewöhnlich anfällig.
Sollte der Ölpreis deutlich steigen oder der Euro kräftig zulegen, könnte der Aufschwung in Deutschland ins Stocken geraten, noch bevor er die Kraft hat, sich selbst zu tragen. Bei zunehmend positiven Konjunkturindikatoren besteht zudem die Gefahr, dass die Wirtschaftspolitik zu früh aus dem Krisenmodus aussteigt und die Erholung mit übereilten Ausgabenkürzungen oder Steuererhöhungen zunichte macht.
Auch in anderer Hinsicht droht die Politik die guten Nachrichten von der Konjunktur falsch zu verstehen. Die Erholung ist - anders, als es manch einer gern hätte - kein Beleg dafür, dass die Korrekturen im globalen Finanzsystem bereits ausreichen. Dass es der Wirtschaft weltweit bald wieder besser gehen dürfte, liegt vor allem an einem Nachholeffekt - und mitnichten an entschlossenen Reformen. Es wäre daher fatal, sollten die führenden Industriestaaten, die sich zu ihrem Gipfel treffen, die einmalige Gelegenheit für eine umfassende Reform der Weltfinanzmärkte auslassen. Auch wenn es wieder aufwärtsgeht - die strukturelle Anfälligkeit des Finanz- und Wirtschaftssystems ist noch so groß wie vor der Krise.