Es war einmal eine Insel der Seligen, die kriegte vom großen Gewitter der Weltwirtschaft nur ein paar unangenehme Tropfen ab. Deutschland sei jetzt widerstandsfähiger als alle anderen, freuten sich da bald die Beobachter.
Spätestens seit Dienstag ist klar, dass es mit diesem märchenhaften Ausnahmezustand vorbei ist. Die Signale stehen nun auch in Deutschland auf Sturm: Das ZEW-Barometer der Konjunkturerwartungen, das die Stimmung unter Finanzmarktexperten misst, ist auf ein historisches Tief gefallen; der Dax stürzt Richtung 6000 Punkte, und der Euro ist gegenüber dem Dollar stark wie nie zuvor.
Was sich bereits seit einigen Monaten an sinkenden Auftragseingängen, rückläufiger Industrieproduktion und abkühlendem Geschäftsklima erkennen lässt, schlägt sich nun auch an den Finanzmärkten nieder: Deutschland steuert auf den Abschwung zu. Eine Rezession ist nicht ausgeschlossen.
Ein bisschen irreführend sind die Erschütterungen an der Börse allerdings schon. Das große Thema US-Finanzkrise, das am Dienstag für besonders schwere Kursverluste bei den hiesigen Bank- und Versicherungsaktien sorgte, spielt für die deutsche Realwirtschaft bisher nur sehr indirekt eine Rolle. Es gibt hier weder eine bedrohliche Kreditverknappung noch eine Immobilienkrise.
Schwer getroffen werden viele Unternehmen allein vom schwachen Dollar, der durch die expansiven Notfallaktionen der US-Notenbank immer weiter unter Druck gerät. Der zweite Hauptgrund für den Konjunktureinbruch ist der rasante Anstieg der Energie- und Rohstoffpreise, der die Margen der Unternehmen auffrisst und den allseits erwarteten Konsumschub abwürgt.
Die Politik schaut diesem fatalen Doppelschlag aus Euro-Aufwertung und Energiepreisschock halb gleichgültig, halb gelähmt zu. Europas Notenbanker haben zuletzt sogar noch die Zinsbremse angezogen und so nebenbei den Euro gegenüber dem Dollar gestärkt.
Weil Amerikas Konjunkturpolitik derweil aus allen Rohren feuert und die vielfach erwartete US-Rezession bisher ausgeblieben ist, kann schon bald eine eigenartige Situation eintreten: Die finanzkrisengeschüttelten USA ziehen beim Wirtschaftswachstum wieder an Deutschland und Europa vorbei. Um die globalen Ungleichgewichte abzubauen wäre genau das Gegenteil nötig: eine kräftige Nachfrage aus Europa, die zur unvermeidlichen Reduzierung des US-Leistungsbilanzdefizits beiträgt.
Für Deutschland bleibt da nur die Hoffnung, dass das Öl vielleicht doch wieder billiger wird oder dass die Konjunkturpolitik aufwacht. Die neuen, alten Rufe nach "Strukturreformen" machen aber wenig Mut. So wichtig die Reformpolitik auch ist - gegen die Ursachen dieses Abschwungs taugt sie nicht.