Es ist ein eingespieltes Ritual: Einmal im Jahr erhöht die Bahn ihre Ticketpreise. Und jedes Mal setzt ein Chor von Kritikern ein, der dem Unternehmen unzulässige Gier vorwirft. Auch diesmal heißt es mit Blick auf den geplanten Börsengang, Ziel sei es offenbar, die Bahn reif für "renditehungrige Investoren" zu machen. Politiker wissen, dass Bahn-Bashing beim Wähler ankommt.
Mit dem Gang an die Börse allerdings hat die anstehende Preiserhöhung allenfalls am Rande zu tun. Wie anderen Transportunternehmen auch bereiten die steigenden Energiekosten der Bahn enorme Probleme. Auch die oft als fähige Konkurrenten gelobten Billigflieger verlangen aus diesem Grund bereits deutlich mehr von ihren Kunden.
Darüber hinaus hat die Bahn nach dem längsten Tarifstreit ihrer Geschichte eine durchschnittliche Lohnerhöhung von elf Prozent zu verkraften. Als die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) diesen Abschluss erkämpfte, stieß sie noch auf reichlich Verständnis in der Bevölkerung. Wer sich aber damals publikumswirksam hinter die Beschäftigten stellte, darf sich heute nicht aufregen, wenn die Bahn nun ihre Preise anpasst.
Niemand kann einem wettbewerbsorientierten Unternehmen zum Vorwurf machen, dass es steigende Kosten an seine Kunden weitergibt. Wenn die Preiserhöhungen Kunden abschrecken, ist das allemal ein betriebswirtschaftliches Problem. Im ersten Halbjahr sind die Fahrgastzahlen noch um 3,1 Prozent gestiegen, doch auf diesen Trend kann sich die Bahn nicht verlassen.
Angesichts der schlecht ausgelasteten Züge im Fernverkehr kann die konkrete Preisgestaltung mit Sicherheit noch verbessert werden. Die zahlreichen Rabattaktionen erreichen offenbar noch nicht genug Kunden. Ein Grund, die Preise einzufrieren, ist das jedoch nicht.