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Merken   Drucken   22.04.2009, 20:48 Schriftgröße: AAA

Leitartikel: Krisenfolgen - Berlin ist nicht Weimar  

Der Chor all jener schwillt an, die in der Wirtschaftskrise eine Gefahr für die Demokratie sehen. Das Herausbeschwören Weimarer Verhältnisse ist aber nicht nur unbegründet - es ist auch gefährlich.
Egal, wie groß die kollektive Unsicherheit über das Ausmaß dieser Wirtschaftskrise sein mag - auf ein paar Weisheiten haben sich die politischen Wortführer immerhin schon verständigen können. Etwa, dass Wirtschaft zu 50 Prozent Psychologie sei. Und dass Konjunkturprognosen keinen Pfifferling wert seien.
Mittlerweile gewinnt aber auch der Chor all jener an Lautstärke, die zwar keine Ahnung haben, was auf die Wirtschaft noch zukommt, die sich aber umso sicherer sind, dass die Krise dennoch die Grundfesten der Demokratie ins Wanken bringt. Am Mittwoch gab DGB-Chef Michael Sommer die Kassandra: Er warnte vor bürgerkriegsähnlichen Zuständen, sollten Unternehmen Mitarbeiter in Massen entlassen.
Solche Äußerungen sind nicht nur bedenklich, weil gerade in Deutschland jeglicher Beleg für die befürchteten Entwicklungen fehlt. Während Arbeiter in Frankreich Werke plündern, die geschlossen werden sollen, geht es hierzulande bislang ausgesprochen zivilisiert zu - auch in wirtschaftlichen Konfliktsituationen: Extremistische Parteien haben seit Beginn der Krise keinen massiven Zulauf verzeichnet. Und das Gros der Bürger stellt zwar sehr wohl einige Aspekte der Marktwirtschaft infrage, nicht aber die demokratische Gesellschaftsform. 60 Jahre nach Gründung der Bundesrepublik zieht der Weimar-Vergleich nicht mehr.
Das Unken über soziale Unruhen ist aber nicht nur unfundiert, es ist auch fahrlässig. Einerseits wird an Forschungsinstitute und Medien appelliert, die Lage doch bitte nicht so schwarzzumalen ("50 Prozent Psychologie!"). Zugleich streuen Interessenvertreter Botschaften, die sich stärker ins Bewusstsein zu graben drohen als der neue Stand des Ifo-Index - und die sich entsprechend negativ auf Konsum und Investitionen auswirken können.
Die Motivation des DGB-Chefs ist indessen klar: Auf die Unternehmen können die Gewerkschaften angesichts der Krise nur noch wenig Druck ausüben. Bleibt als Ansprechpartner, wie für so viele, die Politik.
  • Aus der FTD vom 23.04.2009
    © 2009 Financial Times Deutschland,
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