"Wenn ich eine Beteiligung der amerikanischen Nasdaq bei der deutsch-englischen Börsenfusion nicht durchsetzen kann, entwerfe ich eben die Vision einer Vollfusion der drei Börsen." Das mag sich Werner Seifert gedacht haben. Der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Börse übt sich einmal mehr in der Taktik, in schwierigen Lagen Tempo und Einsatz zu erhöhen. Das beeindruckt das Publikum und schüchtert die Opposition ein.
Über die geplante Fusion mit der Londoner Börse (LSE) entscheidet die Hauptversammlung der Deutschen Börse im September. Die notwendige Dreiviertelmehrheit ist dabei keineswegs gesichert.
Am Finanzplatz Frankfurt ist vor allem ein Teilprojekt der Fusion umstritten: die Beteiligung der US-Börse Nasdaq am in Frankfurt bleibenden Segment des Neuen Marktes. Die Beteiligung selbst wird allerdings gar nicht Gegenstand der Hauptversammlung, denn formal geht die neue Börse iX das Joint Venture mit der Nasdaq ein.
Die Anteilseigner der Deutschen Börse kaufen also mit einer Entscheidung für die Fusion die Katze im Sack. Wenn der Sack geöffnet wird, kommt möglicherweise ein Tier zum Vorschein, das verblüffende Ähnlichkeit mit Frank Zarb, dem Nasdaq-Chef aufweist. Schließlich will die Nasdaq für ihren guten Namen die Mitsprache bei Entscheidungen der iX über Management, Handelssysteme und Marktmodell des Frankfurter Neuen Marktes. Wenn es dann schlecht läuft, stehen in zwei Jahren nur noch die Computer im Frankfurter Stadtteil Hausen.
Angesichts solcher Befürchtungen schlägt Seifert die Vollfusion mit der Nasdaq vor. Das vermittelt die Aussicht, dass dem Einstieg der Nasdaq in Europa eine Gegenleistung entspräche. Die bestünde darin, dass iX in den US-Markt eingeladen würde. Dassdaraus etwas wird, ist aber eherunwahrscheinlich. Börsenfusionen sind ohnehin schwierig - angesichts der zu Protektionismus neigenden US-Aufsichtsbehörde SEC gilt das für diese Vorhaben ganz besonders.
Die Aktionäre der Deutschen Börse sollten den Eintritt der Nasdaq im Neuen Markt genau prüfen, bevor sie iX zustimmen. Die transatlantische Börse kann warten. Gebraucht wird sie ohnehin nicht.
Weitere Leitartikel zu den Themen "Friedensverhandlungen in Camp David" und "Autonomiebestrebungen der Provinz Kosovo" in der FTD-Ausgabe vom 18.07.2000.