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Merken   Drucken   02.06.2009, 21:28 Schriftgröße: AAA

Leitartikel: Marktbaron Guttenberg  

Auch wenn die SPD sich nun auf den Bundeswirtschaftsminister einschießt: Guttenberg taugt im Wahlkampf nicht zum zweiten Paul Kirchhof.
Man nehme: einen Helden des Gegners, der ratzfatz unter bösen Eliteverdacht zu stellen ist. Man füge hinzu: ein regionales Etikett, das vor allem nördlich der Mainlinie den Klischeereflex auslöst. Das Ganze verrühre man stetig zu einem ätzenden Ressentiment - fertig ist der sozialdemokratische Wahlkampfschlager.
Nach diesem Rezept hat sich Gerhard Schröder s SPD 2005 erfolgreich den früheren Verfassungsrichter Paul Kirchhof zum Lieblingsgegner aufgebaut. Auf denselben Effekt hoffen jetzt einige, die sich auf Bundeswirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg einschießen. Auf den "Professor aus Heidelberg" soll der "Baron aus Bayern" folgen.
Guttenberg und die Union sollten sich davon aber nicht einschüchtern lassen. Im Gegenteil: Falls die SPD ernsthaft darauf setzt, ihre alte Anti-Kirchhof-Kampagne noch einmal zu kopieren, dann wird sie sich damit nur selbst beschädigen.
Dass die Attacken auf den "Professor aus Heidelberg" 2005 so erfolgreich waren, lag vor allem an Versäumnissen der Union: Kirchhof sollte als künftiger Finanzminister zum Überraschungsstar im Schattenkabinett Angela Merkels werden; dieser Coup war aber so schlecht vorbereitet, dass sich schon bald gewaltige Risse im Unionslager auftaten. In die stieß Schröder dann mit knallharter Polemik.
Inhaltlich gingen Kirchhofs Reformideen weit über die Beschlusslage der Union hinaus. Weil der offizielle CDU-Kurs und die private Meinung des Gelehrten Kirchhof teilweise nicht zusammenpassten, tat sich die Partei von Anfang an schwer, die SPD-Angriffe geschlossen abzuwehren.
Die Person Kirchhof wirkte zugleich auch ein wenig aus der Zeit gefallen: Der etwas abgehobene ältere Wissenschaftler, der das Hohelied der Familie sang, ließ sich leicht als Fossil aus den 50er-Jahren karikieren.
Bei alledem fehlten Kirchhof jede Wahlkampferfahrung und jede Absicherung über eine Hausmacht in der Union. So wurde er zur idealen Zielscheibe, seine Kandidatur ein grandioses Missverständnis zwischen Wissenschaftler und Volkspartei. Die SPD konnte diese Konstellation nicht strategisch herbeiführen. Sie hat sie nur instinktsicher ausgenutzt.
Im Fall Guttenberg liegen die Dinge völlig anders. Der Wirtschaftsminister vertritt zwar einige Positionen, die ihn aus SPD-Sicht zum Gottseibeiuns machen. Aber er und seine Partei sind alles andere als naiv und weltfremd.
Als ehemaliger CSU-Generalsekretär weiß Guttenberg sehr genau, wie Parteien, Beschlusslagen und Wahlkämpfe funktionieren. Dass er mit den Medien umzugehen und sein Image zu gestalten weiß, hat er ebenfalls schon bewiesen: Ein Baron, der auf dem Times Square genauso lässig auftritt wie beim AC/DC-Konzert, taugt schlecht, um Ängste vor reaktionärem Junkertum zu mobilisieren.
Mit etwas Geschick kann Guttenberg den "Marktbaron" sogar zu seinem positiven Markenzeichen machen. Vom "Marktgrafen" Lambsdorff reden die Leute heute noch.
  • Aus der FTD vom 03.06.2009
    © 2009 Financial Times Deutschland,
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