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Merken   Drucken   29.03.2009, 19:44 Schriftgröße: AAA

Leitartikel: Mehdorn - Merkels Stunde der Wahrheit  

Es ist ja nicht so, dass Angela Merkel keine Gefühle zeigen könnte. Geradezu entsetzt gab sich die Kanzlerin etwa über die Nonchalance, mit der sich Bankmanager in der Krise noch Boni leisteten, und appellierte an die Moral der Manager.
Wer Merkel die Empörung abnimmt, muss sich allerdings wundern, wie kalt sie bisher die systematische Ausforschung der Bahn-Mitarbeiter durch Manager des Konzerns gelassen hat - für die Hartmut Mehdorn als Vorstandschef die Verantwortung trägt. Selbst wenn er - was immer unwahrscheinlicher erscheint - von dem Treiben tatsächlich nichts wusste.
Mit Mehdorn hat Merkel den Topmanager eines bundeseigenen Unternehmens vor sich, das alles andere als vorbildlich mit seinen Angestellten umgeht. Und sie schweigt. Hier, wo die Regierung als Eigentümerin nicht nur an das Verantwortungsgefühl von Unternehmenslenkern appellieren, sondern mit gutem Beispiel voranschreiten könnte, verpasst sie die Gelegenheit, entschieden und zügig zu handeln. Als es aber im Herbst darum ging, Mehdorns in der Bevölkerung unbeliebten Schalterzuschlag von 2,50 Euro zu kippen, war das Kanzleramt schnell zur Stelle.
Der Grund für Merkels Zaudern ist simpel: Die Union würde die Bahn-Spitze lieber erst nach der Bundestagswahl im September neu besetzen, in der Hoffnung, den Posten mit einem politischen Wunschkandidaten bestücken zu können.
Es lässt sich noch vertreten, dass die Bundesregierung an Mehdorn aus Kalkül festgehalten hat, solange die Sonderermittler noch keine Ergebnisse vorgelegt hatten - auch wenn die verheerenden Zustände in der Konzernrevision, die ein Zwischenbericht schon im Februar ans Licht beförderte, Anlass genug für einen Rücktritt gewesen wären. Mittlerweile ist die Beweislast, dass Bahn-Mitarbeiter gezielt ausgespäht wurden - und nicht nur, um Korruption vorzubeugen -, aber so erdrückend, dass Mehdorn nicht mehr tragbar ist.
Es wäre unsinnig, einen Dauernachfolger für Mehdorn zu berufen, solange nicht klar ist, wie es mit der Privatisierung der Bahn weitergehen soll. Doch die Regierung hat die realistische Option, einen Interimschef zu berufen. Aufsichtsratschef Werner Müller ist ein qualifizierter Kandidat, der für beide Regierungsparteien akzeptabel ist.
Merkel muss jetzt handeln. Bevor sie den letzten Rest an moralischem Kredit im Krisenmanagement bei der Bahn verspielt hat.
  • Aus der FTD vom 30.03.2009
    © 2009 Financial Times Deutschland,
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