FTD.de » Meinung » Kommentare » Leitartikel: Mehdorns Bauernopfer

Merken   Drucken   20.05.2003, 12:02 Schriftgröße: AAA

Leitartikel: Mehdorns Bauernopfer  

Erst war es das Wetter, dann die Billigflieger, zuletzt die Konjunktur, keinesfalls aber sollte das neue Preissystem schuld am dramatischen Rückgang der Fahrgastzahlen sein.
Nachdem die Verluste allein im ersten Quartal des laufenden Jahres inzwischen auf rund 180 Mio. Euro gestiegen sind, kann es auch Bahn-Chef Hartmut Mehdorn nicht mehr leugnen: Die Tarifreform hat die Kunden der Deutschen Bahn verprellt.
Das miserable Ergebnis, zu dem sich das Unternehmen am Mittwoch bekennen muss, ist der letzte Beweis dafür, dass das neue Preissystem gescheitert ist - daran kann auch der Rausschmiss der zwei Vorstände Hans-Gustav Koch und Christoph Franz nichts ändern. Sie sind zu Bauernopfern geworden. Mehdorn hat ausgerechnet die beiden Kollegen in die Wüste geschickt, die er bis zuletzt über den Klee lobte - und zugleich zugelassen, dass sein eigener Vertrag bis zum Jahr 2008 verlängert wird.
Mit Blick auf den geplanten Börsengang des Unternehmens hätte Mehdorn sinnvollere Maßnahmen ergreifen können. Zweifellos ist das Preissystem ein zentrales Element, wenn es darum geht, den ehemaligen Staatskonzern zu einem wettbewerbsfähigen Dienstleistungsunternehmen umzuwandeln. Langfristig gilt es, die Auslastung der Züge zu erhöhen und so den maroden Konzern rentabel zu machen. Umso intensiver sollte der Bahn-Chef über Nachbesserungen an seinem Tarifsystem nachdenken - mit dem Ziel, die verprellten Kunden schnellstmöglich wieder an Bord zu holen.
Statt das Vertrauen der Bahnfahrer wiederzugewinnen, hat Mehdorn mit der verpatzten Tarifreform sein Lieblingsvorhaben in Gefahr gebracht: den Börsengang. Verkehrsminister Manfred Stolpe ließ überraschend verlauten, das anvisierte Jahr 2005 sei kein Dogma.
Mehdorn hat einen weiteren wichtigen Trumpf verspielt: Über Jahre hinweg hatte der Bahn-Chef geschafft, was seine Vorgänger Heinz Dürr und Johannes Ludewig nicht fertig brachten - sich auch als Lenker eines ehemaligen Staatskonzerns nicht von der Politik gängeln zu lassen. Bis Dienstag. Harsch ließ das Verkehrsministerium verkünden, die Bahn habe sich verkalkuliert. Mit dem Rausschmiss seiner beiden Kollegen ist Hardliner Mehdorn nun erstmals gegenüber dem Bund eingeknickt.
Ein gescheitertes Preissystem, ein bis auf weiteres verschobener Börsengang und eine quälende Abhängigkeit von der Politik – damit ist vieles von dem, wofür Hartmut Mehdorn sich in der Vergangenheit stark gemacht hat, hinfällig geworden. Er sollte daraus die Lehren ziehen.
Weitere Leitartikel zu den Themen "ThyssenKrupp: Erpressung in Düsseldorf" und "FED: Waffe Wechselkurs" in der FTD-Ausgabe vom 21.05.2003.
  • FTD, 20.05.2003
    © 2003 Financial Times Deutschland,
Bookmarken   Drucken   Senden   Leserbrief schreiben   Fehler melden  
  18.05. Pressestimmen zum Röttgen-Rauswurf "Angela Merkel eiskalt"
Pressestimmen zum Röttgen-Rauswurf: "Angela Merkel eiskalt"

Deutschlands Leitartikler zeigen sich verwundert über Merkels schroffe Art bei Röttgens Zwei-Minuten-Rausschmiss, erkennen dafür aber gute Gründe. Einer sieht die alte Merkel zurückkehren. mehr

 



  27.05. Deutsches Mädchen jahrelang als Sklavin gehalten
Vermischtes: Deutsches Mädchen jahrelang als Sklavin gehalten ...

In Bosnien ist ein deutsches Mädchen acht Jahre lang als Sklavin gehalten worden. mehr

Mehr zu: Bosnien, Deutsche

 
© 1999 - 2012 Financial Times Deutschland
Aktuelle Nachrichten über Wirtschaft, Politik, Finanzen und Börsen

Börsen- und Finanzmarktdaten:
Bereitstellung der Kurs- und Marktinformationen erfolgt durch die Interactive Data Managed Solutions AG. Es wird keine Haftung für die Richtigkeit der Angaben übernommen!

Über FTD.de | Impressum | Datenschutz | Disclaimer | Mediadaten | E-Mail an FTD | Sitemap | Hilfe | Archiv
Mit ICRA gekennzeichnet

VW | Siemens | Apple | Gold | MBA | Business English | IQ-Test | Gehaltsrechner | Festgeld-Vergleich | Erbschaftssteuer
G+J Glossar
Partner-Angebote