Nachdem die Verluste allein im ersten Quartal des laufenden Jahres inzwischen auf rund 180 Mio. Euro gestiegen sind, kann es auch Bahn-Chef Hartmut Mehdorn nicht mehr leugnen: Die Tarifreform hat die Kunden der Deutschen Bahn verprellt.
Das miserable Ergebnis, zu dem sich das Unternehmen am Mittwoch bekennen muss, ist der letzte Beweis dafür, dass das neue Preissystem gescheitert ist - daran kann auch der Rausschmiss der zwei Vorstände Hans-Gustav Koch und Christoph Franz nichts ändern. Sie sind zu Bauernopfern geworden. Mehdorn hat ausgerechnet die beiden Kollegen in die Wüste geschickt, die er bis zuletzt über den Klee lobte - und zugleich zugelassen, dass sein eigener Vertrag bis zum Jahr 2008 verlängert wird.
Mit Blick auf den geplanten Börsengang des Unternehmens hätte Mehdorn sinnvollere Maßnahmen ergreifen können. Zweifellos ist das Preissystem ein zentrales Element, wenn es darum geht, den ehemaligen Staatskonzern zu einem wettbewerbsfähigen Dienstleistungsunternehmen umzuwandeln. Langfristig gilt es, die Auslastung der Züge zu erhöhen und so den maroden Konzern rentabel zu machen. Umso intensiver sollte der Bahn-Chef über Nachbesserungen an seinem Tarifsystem nachdenken - mit dem Ziel, die verprellten Kunden schnellstmöglich wieder an Bord zu holen.
Statt das Vertrauen der Bahnfahrer wiederzugewinnen, hat Mehdorn mit der verpatzten Tarifreform sein Lieblingsvorhaben in Gefahr gebracht: den Börsengang. Verkehrsminister Manfred Stolpe ließ überraschend verlauten, das anvisierte Jahr 2005 sei kein Dogma.
Mehdorn hat einen weiteren wichtigen Trumpf verspielt: Über Jahre hinweg hatte der Bahn-Chef geschafft, was seine Vorgänger Heinz Dürr und Johannes Ludewig nicht fertig brachten - sich auch als Lenker eines ehemaligen Staatskonzerns nicht von der Politik gängeln zu lassen. Bis Dienstag. Harsch ließ das Verkehrsministerium verkünden, die Bahn habe sich verkalkuliert. Mit dem Rausschmiss seiner beiden Kollegen ist Hardliner Mehdorn nun erstmals gegenüber dem Bund eingeknickt.
Ein gescheitertes Preissystem, ein bis auf weiteres verschobener Börsengang und eine quälende Abhängigkeit von der Politik – damit ist vieles von dem, wofür Hartmut Mehdorn sich in der Vergangenheit stark gemacht hat, hinfällig geworden. Er sollte daraus die Lehren ziehen.
Weitere Leitartikel zu den Themen "ThyssenKrupp: Erpressung in Düsseldorf" und "FED: Waffe Wechselkurs" in der FTD-Ausgabe vom 21.05.2003.