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Merken   Drucken   12.07.2009, 22:37 Schriftgröße: AAA

Leitartikel: Nabucco wird konkret  

Europas Vorhaben, sich durch den Bau der Pipeline unabhängiger von russischen Gaslieferungen zu machen, ist ein Mammutprojekt. An seiner strategischen Notwendigkeit bestehen keine Zweifel. Und doch erschienen geopolitische und finanzielle Hürden zeitweise nahezu unüberwindbar.
Am Montag endlich unterzeichnen fünf Länder des Nabucco-Konsortiums ein Abkommen, in dem sie sich auf die Bedingungen für den Bau der Pipeline einigen. Es wäre zu früh, die Unterschrift bereits als Durchbruch zu feiern. Zu viele Fragen sind noch offen - zur Finanzierung ebenso wie darüber, welche Länder wirklich Gas an die Europäer liefern werden. Und doch steht es um die Erfolgsaussichten des Projekts gerade so gut wie nie zuvor.
Die Großwetterlage hat sich zugunsten von Nabucco gedreht - und das haben die Europäer ironischerweise unter anderem Russland zu verdanken.
Der Georgienkrieg im Sommer 2008 und der Gasstreit zwischen Russland und der Ukraine zum Jahreswechsel haben das Unbehagen über die Abhängigkeit vom Gas des selbstbewussten russischen Nachbarn noch einmal erhöht, insbesondere bei den Südost- und Osteuropäern.
Für das Nabucco-Konsortium sind zudem die derzeit niedrigen Gaspreise ein Glücksfall. Sie haben die Erträge des russischen Energiekonzerns Gazprom derart schrumpfen lassen, dass er Mühe hat, die Investitionen für das enorm teure und aufwendige Konkurrenzprojekt South Stream zu stemmen. Im Wettlauf um Vorverträge mit Lieferstaaten wie Turkmenistan und Aserbaidschan, die von beiden Seiten umworben werden, kann das Nabucco-Konsortium dadurch aufholen oder sich sogar einen Vorsprung erwerben.
Platzt der Bau der South-Stream-Pipeline gar, während Nabucco vorankommt, wäre Russland irgendwann nur noch ein Spieler von mehreren auf dem Gasmarkt.
Zu den großen Unwägbarkeiten des Projekts gehören die schwierigen Beziehungen mit instabilen oder diktatorischen Transit- und Lieferstaaten. Umso wichtiger ist es, Berater mit guten Verbindungen in diese Länder an Bord zu haben - wie etwa Joschka Fischer, der neuerdings im Dienst der Versorger RWE und OMV steht. Auch bei den sensiblen Verhandlungen mit der Türkei dürfte der Ex-Außenminister ein Trumpf sein. Die Türken haben ihren Anspruch, 15 Prozent des Nabucco-Gases selbst verbrauchen oder weiterverkaufen zu dürfen, noch nicht aufgegeben. Ein Erfolg ist aber schon, dass sie das Regierungsabkommen dennoch unterzeichnet haben.
Erste vereinbarte Gaslieferungen aus dem Nordirak und Aserbaidschan dürften ausreichen, um die erste Bauphase der Pipeline zu finanzieren. Langfristig trägt sich Nabucco aber nur, wenn irgendwann auch iranisches Gas durch die Leitung fließt. Selbst wenn das iranische Atomprogramm einmal kein Thema mehr sein sollte, hat Europa daher noch immer ein starkes Eigeninteresse an einem demokratischen und stabilen Iran.
  • Aus der FTD vom 13.07.2009
    © 2009 Financial Times Deutschland,
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