Wenn jemand wie der nun gestorbene russische Schriftsteller Alexander Solschenizyn den Mut hat, in einer Diktatur die Wahrheit zu sagen, verdient er großen Respekt. Solschenizyn beschrieb das System der stalinistischen Lager und weckte damit in der Sowjetunion ein Bewusstsein dafür, dass etwas falsch lief im Paradies der Werktätigen.
Allerdings blieb der Dissident westlichen Beobachtern auch immer fremd, und dies sagt eine Menge über das Verhältnis der etablierten Demokratien zu Russland aus. Denn so sehr Solschenizyn während der Sowjetära ein mutiger Einzelgänger war, so sehr vertrat er nach seiner Rückkehr im Jahr 1994 eine Meinung, der sich Millionen von Russen problemlos anschließen können: Das westliche Modell von Marktwirtschaft und Demokratie, so seine Überzeugung, hat Russland fast zugrunde gerichtet.
Aus Sicht eines einfachen Russen, der im wilden Kapitalismus der 90er-Jahre seine Arbeit verlor, ist eine solche Haltung verständlich. Von einem Intellektuellen aber, der lange in den USA gelebt hat, erwartet man etwas anderes. In Westeuropa und Amerika erscheint es als Binsenweisheit, dass es die Folgen des Sozialismus waren, die Russland zusammenbrechen ließen, und dass erst der politische Umbruch den neuerlichen Aufstieg des Landes möglich machte.
Eine Mehrheit der russischen Bevölkerung teilt diese Sichtweise ausdrücklich nicht. Ex-Präsident Wladimir Putin genießt Unterstützung nicht trotz, sondern gerade wegen seines antidemokratischen Kurses. Die Menschen verbindet eine archaische Sehnsucht nach einem starken Mann. Auch Solschenizyn unterstützte Putin und unterfütterte dies mit seiner Vision einer dorfartigen russischen Solidargemeinschaft.
Für den Kampf gegen den Stalinismus hat Solschenizyn viel getan. An der Demokratie aber hatte er wenig Interesse.