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Merken   Drucken   16.07.2008, 21:35 Schriftgröße: AAA

Leitartikel: Sanfte Notbremse  

Das Vorgehen der US-Börsenaufsicht gegen Leerverkäufe ist mehr als ein populistischer Angriff auf böse Spekulanten. Doch selbst wenn es der SEC gelingt, die Nerven an den Märkten zu beruhigen - die tatsächlichen Probleme der Banken verschwinden nicht.
Außergewöhnliche Umstände erfordern außergewöhnliche Maßnahmen. Nur so lassen sich die Beschränkungen rechtfertigen, mit denen die US-Börsenaufsicht SEC jetzt gegen Leerverkäufer vorgeht - Spekulanten also, die auf fallende Kurse wetten und die deshalb ein Interesse daran haben, böse Gerüchte zu verbreiten und das Investorenvertrauen zu untergraben.
Leerverkäufer sind an den Börsen naturgemäß immer höchst unbeliebt, bei großen Kursstürzen sind sie seit jeher der perfekte Sündenbock. Dennoch erfüllen sie eine wichtige Funktion an den Finanzmärkten: Sie tragen zu einer besseren Preisfindung bei, weil nicht nur Unter-, sondern auch Überbewertungen zügig korrigiert werden können. Für einen hoch entwickelten Finanzplatz ist dieser Mechanismus unverzichtbar.
Es ist daher richtig, dass die SEC nur eine Notfallregel mit sehr eng umgrenzter Geltung erlassen hat: Bis maximal Ende August werden Leerverkäufe von Aktien der 19 führenden Finanzinstitute dadurch erschwert, dass der Verkäufer die angebotenen Papiere vorher leihen und tatsächlich liefern muss.
Das ist kein populistischer Frontalangriff auf böse Spekulanten, sondern der Versuch einer möglichst gezielten Beruhigung der angegriffenen Nerven an den Finanzmärkten.
Gefährlich sind die Leerverkäufe in der aktuellen Lage gar nicht einmal wegen ihrer unmittelbaren Wirkung auf die Aktienkurse. Es ist zwar ärgerlich für Investoren, wenn ihre Aktie abstürzt, weil sie von Spekulanten mit dubiosen Gerüchten angegriffen wird.
Eine Gefahr für das gesamte Finanzsystem wird daraus aber nur, wenn der einbrechende Aktienkurs als Signal für fehlende Kreditwürdigkeit gedeutet wird - und das attackierte Unternehmen ein großes Finanzinstitut ist. Bricht eine große Bank unter dem Druck von Pleitegerüchten im Markt zusammen, dann droht unkalkulierbarer volkswirtschaftlicher Kollateralschaden.
Im Fall der Investmentbank Bear Stearns zwang der massive Vertrauensverlust an den Märkten die Notenbank bereits zu einer spektakulären Rettungsaktion. Zuletzt sind vor allem die staatsnahen Immobilienfinanzierer Fannie Mae und Freddie Mac so sehr ins Gerede gekommen, dass Regierung und Notenbank Hilfen ankündigen mussten.
Die Notfallregel der SEC macht es nun etwas schwieriger, gegen die Säulen des Finanzsystems Stimmung zu machen. Völlig unmöglich wird die Spekulation dadurch allerdings auch nicht.
Und die tatsächlichen Probleme der Institute verschwinden ohnehin nicht. Insoweit dort wirklich etwas faul ist, werden die Märkte darauf irgendwann massiv reagieren. Spätestens Anfang September sind dann auch die Leerverkäufer wieder voll dabei.
  • Aus der FTD vom 17.07.2008
    © 2008 Financial Times Deutschland,
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