Es ist gerade einmal ein halbes Jahr her, seit der Internationale Währungsfonds die Welt mit einer Zahl schockierte: Auf fast 1000 Mrd. $ schätzte der IWF im April die Verluste aus der Subprime-Krise - und wurde damals von Bundesfinanzminister Peer Steinbrück der Schwarzmalerei bezichtigt.
Inzwischen wünschte sich wohl so mancher Politiker, der IWF hätte damals recht behalten. Vor einem Monat sah sich der Fonds gezwungen, seine Erwartung auf 1400 Mrd. $ zu revidieren, und am Donnerstag rief er gar die Weltrezession aus. Über die Wortwahl und die Definition lässt sich zwar streiten: Denn selbst wenn die globale Wirtschaftsleistung unter drei Prozent liegt, gibt es mit den Schwellenländern durchaus Gebiete auf dieser Welt, die noch immer ein kräftiges Wachstum verzeichnen.
Wenn aber die Wirtschaft aller Industrieländer im Schnitt zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg schrumpft, ist die Lage wahrhaft dramatisch. Spätestens jetzt muss jedem klar sein, dass diese Krise sich schon längst nicht mehr auf die Finanzbranche beschränkt. Es geht auch nicht mehr bloß darum, das Bankensystem vor dem Untergang zu bewahren oder das System in Zukunft mit neuen Regeln zu stabilisieren. Es muss nun in erster Linie darum gehen, die Realwirtschaft so sanft wie noch irgend möglich landen zu lassen. Angesichts der jüngsten Treffsicherheit der IWF-Befunde besteht zumindest Hoffnung, dass seine Botschaft von den politischen Entscheidern diesmal ernst genommen wird.
Die Europäische Zentralbank hat schon richtig reagiert, indem sie den Leitzins am Donnerstag um weitere 50 Basispunkte senkte. Allerdings entbehrt es nicht einer gewissen Tragik, dass die Währungshüter erst zu einem Zeitpunkt von ihrem restriktiven Kurs abgerückt sind, zu dem billigeres Geld der Wirtschaft weit weniger Schwung verleihen kann als gewöhnlich. Die Banken sind noch immer stark verunsichert, ihre Finanzlage ist klamm. Deshalb kann ein niedriger Leitzinssatz zwar ein wichtiges positives Signal an die Märkte senden und die Bilanzen der Banken entlasten. Dass die ihn vollständig in Form günstigerer Kredite an Unternehmen weitergeben, ist aber nicht zu erwarten.
Auch der IWF weist darauf hin, dass Konjunkturprogramme die Weltwirtschaft jetzt effektiver beleben könnten als Zinssenkungen. Die Regierungen der Industrieländer sollten seinem Rat schleunigst folgen und umfangreiche und zielgerichtete Konjunkturpakete schnüren, die sofortige Wirkung zeigen - am besten in koordinierter Art und Weise. Am aussichtsreichsten sind Schritte, die Unternehmen und Verbraucher direkt entlasten. Das dürftige 16-Punkte-Programm der Bundesregierung lässt solche Hilfen vermissen.