Es scheint, als könne die Bundesregierung dem Nato-Gipfel Ende dieser Woche gelassen entgegensehen. Endlich haben sich die Amerikaner in weiten Teilen den deutschen Ansatz zu eigen gemacht. Neben mehr Truppen schicken sie auch Ausbilder und Aufbauhelfer samt Hilfslieferungen in Scharen nach Afghanistan. Der zivile Aufbau rückt ins Zentrum der Nato-Mission. Doch gerade dadurch gerät Deutschland unter Zugzwang. Die Bundesregierung muss die Frage, welche Ziele sie in Afghanistan mit welchen Mitteln verfolgt, dringender denn je beantworten.
Für die USA ist diese Frage jetzt klar entschieden: Barack Obama will den Krieg mit allen Mitteln gewinnen, al-Kaida und radikale Taliban vernichtend schlagen und Afghanistan so weit aufbauen, dass es kein Rückzugsgebiet für Terroristen mehr ist. Statt auf Partnerstaaten zu warten, die weder den Willen noch die Kraft haben, sich ausreichend zu engagieren, nimmt Washington neben der Führung nun auch die Aufgaben in eigene Hände - militärisch und zivil. Der seit Jahren gefährlich schwelende Krieg kommt sieben Jahre nach dem Beginn nun in seine heiße Phase. Westliche Entschlossenheit wird dabei die stärkste Waffe sein.
Und wo bleibt Deutschland? Kaum ein Land hat sich zu Beginn ähnlich ins Zeug gelegt. Kanzler Gerhard Schröder riskierte für den Militärbeitrag seine Regierung, sicherheitspolitisch warb man für das zivil-militärische Konzept der "Regionalen Wiederaufbauteams" (PRT) und spielte sich bei dem Thema mit der Ausrichtung der Petersberger Konferenzen in den Vordergrund.
Inzwischen ist Afghanistan sträflich in den Hintergrund gerückt. Abgesehen davon, dass man damit der Verantwortung für die bald 4400 Bundeswehrsoldaten im Einsatz nicht gerecht wird, enttäuscht das die Hoffnungen der Afghanen, die man einst weckte.
Bis vor Kurzem schlug sich Kanzlerin Angela Merkel auf die Schulter angesichts des deutschen Beitrags. Sie wollte befürchtete Forderungen der USA vorsorglich abwehren. Jetzt spürt sie immerhin den neuen Wind und kündigt an, Deutschland könne noch ein wenig nachlegen. Doch das reicht nicht für das Land, das Afghanistan zu seiner Sache gemacht hat. Frankreich spricht von einer "civilian surge", einer Aufbauoffensive, und schickt Hunderte Gendarmerie-Ausbilder, die Briten erhöhen ihre Truppenzahl deutlich, Kanada hat schon jetzt mehr Aufbauhelfer dort als Deutschland, das 70 Entwicklungshelfer und 90 Polizeiausbilder in Afghanistan einsetzt.
Gerade weil die USA sich der deutschen Linie annähern, sollte Deutschland nicht am Rand stehen, sondern angesichts der neuen Lage über eine neue Strategie nachdenken. Welche Kräfte können noch mobilisiert werden, welche Aufgaben kann man übernehmen, wie kann man mit anderen kooperieren? Es geht nicht um ein paar Helfer mehr, es geht um ein neues Konzept. Ohne das wird die Nation, die einmal die zivile Führungsrolle in dem Einsatz für sich reklamierte, am Hindukusch ganz ins Abseits geraten.