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Merken   Drucken   30.11.2005, 20:30 Schriftgröße: AAA

Leitartikel: Vertrauensfragen  

Der Skandal um verdorbenes Fleisch in deutschen Kühlregalen hat das Zentrum der Berliner Bühne erreicht, selbst die Kanzlerin sorgt sich in ihrer Regierungserklärung darum. Das ist etwas übertrieben.
Der Skandal bleibt in seinen Dimensionen recht überschaubar: Nur wenige Promille der rund 20.000 Fleisch verarbeitenden Betriebe stehen im Verdacht, mit "Gammelfleisch" zu handeln.
Da aber viele Verbraucher Umfragen zufolge tief verunsichert sind, ist es gut, wenn der zuständige Minister Horst Seehofer versucht, mit einem Sofortprogramm Vertrauen zu schaffen. Er will die Eigenverantwortung der Konsumenten stärken, indem er die Ergebnisse von Lebensmittelkontrollen veröffentlicht und ein Verbraucherinformationsgesetz einbringt - das die Union pikanterweise bis vor kurzem bekämpft hat.
Dieser Ansatz ist nicht falsch, viel wichtiger ist aber der zweite Strang des Sofortprogramms, die Repression. Es ist eine grün gewirkte Luxusvorstellung, breite Bevölkerungsschichten könnten und sollten zu verantwortlichen Verbrauchern in dem Sinne werden, dass sie freiwillig auf günstig angebotenes Fleisch verzichten, um noch akzeptable Qualität zu erhalten. Realistischer, einfacher und wirksamer ist es, die Kontrollen und Strafen für kriminelle Geschäftemacher in der Branche zu verschärfen. Seehofers Ankündigung, Schwachstellen im lückenhaften Kontrollsystem zu schließen, ist daher richtig.
Dieses Versprechen ist zwar teuer, weil es zusätzliches Personal erfordert. Es ist im Grunde aber eine Selbstverständlichkeit. Denn unabhängig vom Preis muss sich jeder Verbraucher darauf verlassen können, dass auch das Fleisch in Ordnung ist, das er billig im Discount-Markt kauft. Dass er für mehr Geld sicherlich mehr Genuss bekommen könnte, ist eine ganz andere Frage.
  • Aus der FTD vom 01.12.2005
    © 2005 Financial Times Deutschland,
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