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Merken   Drucken   04.12.2008, 20:54 Schriftgröße: AAA

Leitartikel: Zinssenkung - Auf allen vieren in die Krise  

Die Zinssenkung der EZB ist ein Kompromiss. Das Beunruhigende daran ist, dass bei den Zentralbankern Unsicherheit herrscht, was die Geldpolitik in dieser Situation noch erreichen kann. Der EZB fehlt eine Krisenstrategie.
Was machen Europas Notenbanker, wenn sie spüren, dass etwas getan werden muss, sie aber nicht ganz sicher sind, was sie eigentlich dazu beitragen können? Sie probieren mal ein bisschen was Neues.
Die Zinssenkung der Europäischen Zentralbank (EZB) um 75 Basispunkte ist die deutlichste seit Einführung des Euro und kann daher mit Recht als historisch bezeichnet werden. Das Problem ist nur, dass auch die Lage historisch ist, wenn der gesamte Währungsraum in die Rezession rutscht.
Die Märkte konnte der Zinsschritt der EZB daher nicht mehr wirklich überraschen. Der Kompromiss war absehbar: Es musste mehr passieren als zuvor, aber der ganz große Schritt gehört nicht zum Repertoire der EZB. Wie zögerlich die Bank vorgeht, zeigt sich im Vergleich zu dem viel aggressiveren Vorgehen der Schweden und Engländer.
Beunruhigender als dieser Umstand ist aber, dass unklar bleibt, ob Jean-Claude Trichet einer konkreten Strategie folgt und welche dies sein könnte. Der Zentralbankchef tastet sich in diese Krise hinein. Nach der fatalen Zinserhöhung im Sommer kamen zwei Senkungen um 50 Basispunkte und nun der etwas deutlichere Schritt vom Donnerstag. Doch Trichet ließ die Marktteilnehmer im Unklaren darüber, wie es weitergehen wird. Das wirkt nicht mehr wie das professionelle Schweigen eines Zentralbankers - sondern einfach nur noch wie pure Unsicherheit.
Der EZB-Chef hat dabei auch ein Problem mit der Argumentation. Nach außen operiert die Bank mit Konjunkturprognosen für 2009, die weit optimistischer sind als die der meisten anderen Beobachter. Dies liegt vor allem daran, dass es sich um rein technisch ermittelte Zahlen handelt, und ist in normalen Zeiten wohl auch geeignet, die Märkte zu beruhigen. Wenn die Investoren aber irgendwann den Eindruck gewinnen, dass die EZB mit Zahlen arbeitet, an die sie selbst nicht glaubt, dann dürfte dieser Effekt verpuffen.
Die bittere Wahrheit ist, dass in der Zentralbank Unklarheit darüber herrscht, wie viel mit Zinspolitik überhaupt noch erreicht werden kann. Die Banken sind verunsichert und reichen den Vorteil besserer Refinanzierungsbedingungen zum Teil gar nicht an ihre Kunden weiter. Und wenn die EZB im Tempo der vergangenen Monate weitermacht - was unwahrscheinlich ist -, dann ist die Null rasch erreicht. Dann aber begänne die Phase der wirklichen Experimente.
  • Aus der FTD vom 05.12.2008
    © 2008 Financial Times Deutschland,
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