Ein Nachhaltigkeitsbericht ist eine schöne Sache. Auf Hochglanzpapier kann ein Unternehmen darstellen, was es alles Gutes tut und um wie viel schlechter die Welt doch wäre, wenn es die Firma nicht gäbe. Und in der Tat liest sich der aktuelle Bericht zur Gesellschaftlichen Verantwortung der Deutschen Bank wunderbar.
Und er ist auch toll bebildert. 2011 habe die Deutsche Bank 83,1 Mio. Euro aufgewandt, um weltweit Projekte für mehr Bildung, Nachhaltigkeit, Soziales sowie Kunst und Musik zu fördern, heißt es im Vorwort von Noch-Chef Josef Ackermann. "Überzeugen Sie sich selbst davon, dass die Deutsche Bank für mehr steht als nur für Geld - für viel mehr", fordert der scheidende Schweizer die Leser des Berichts auf. Was für eine schöne Vision! Allerdings steht die Bank 2011 auch für weniger: Denn 2010 hatte das Institut noch 15 Mio. Euro mehr für die Gesellschaft ausgegeben.
In der Tat muss der Deutsche Bank zugestanden werden, dass sie Sinnvolles tut, etwa indem sie ein Bildungsprogramm für Kinder aus benachteiligten Familien finanziert, nachhaltige Investment ausbaut oder die Kunst fördert. Man könnte jetzt die 83 Mio. Euro in Relation zu anderen Kennzahlen der Bank stellen, etwa zum Quartalsgewinn oder den Chefgehältern, aber das wäre ein bisschen zu einfach und billig. Denn warum soll ausgerechnet die Deutsche Bank mehr Geld ihrer Anteilseigner für Soziales und Nachhaltigkeit ausgeben als etwa Daimler oder die Allianz ?
Was man aber auch zugestehen muss, ist, dass der Bericht vor allem eins ist: Ein Meisterwerk des Marketings, der Public Relations und der Augenwischerei. "Tue Gutes und rede darüber", ist ein altbekannter Satz, der immer noch gilt. Wer richtig ist, verkauft sogar das, was nicht so gut ist, immer noch als tolle Idee.
So schaffte es die Meldung schon früh in die Nachrichtenagenturen, dass die Bank im Jahr 2012 "keine neuen börsengehandelte Anlageprodukte auf der Basis von Grundnahrungsmitteln auflegen" werde. Das klingt toll. Aber wenn man den Bericht genau liest, steht da auch ein bisschen mehr. Zwar gebe es "einige" wissenschaftliche Studien, die der Spekulation an den Rohstoffmärkten einen "beachtlichen Einfluss" auf die Preise für Agrarrohstoffe beimessen. Die "meisten wissenschaftlichen und von Experten bestätigten Publikationen" kämen jedoch zu dem Schluss, dass vor allem Angebot und Nachfrage für die Preise verantwortlich seien.
Auch der Derivatemarkt sei weniger ein Problem, als viel mehr die Lösung, weil er helfe Preisschwankungen abzuschwächen und deshalb einen "wichtigen Beitrag zur allgemeinen Wohlfahrt leisten können". Zu diesem Schluss sei bislang auch das eigene Analyseteam der Bank gekommen. Noch in diesem Jahr soll ein endgültiger Bericht vorliegen. Und bis dahin werde das Unternehmen auf die Neuauflage entsprechender Produkte verzichten.
Die Bank will mit ihren eigenen Analyseergebnissen auch helfen, den tatsächlichen Einfluss der Spekulation auf die Nahrungsmittelversorgung zu untersuchen. Das Ergebnis scheint schon vorher klar. Deshalb ist der vorläufige Stopp in der Tat nur eine Beruhigungspille für die Kritiker. Zudem wird nur die Neuauflage von ETFs gestoppt - die alten Produkte gibt es weiter, und auch der Handel im Kundenauftrag ist wohl kaum betroffen. Ebenso können ja auch nicht-börsengehandelte Fonds aufgelegt werden. Der Stopp ist deshalb in erster Linie ein Atemholen, um in der Zeit Munition zu sammeln, um wieder richtig loslegen zu können. Schließlich ist die Bank der weltgrößte Emittent von Agrar-ETFs.
Alles richtig gemacht hat die Deutsche Bank. Das Institut ist sogar sehr viel weiter als viele andere Finanzhäuser in dieser Frage und hat klare Richtlinien. Einzig die Wirkung der Diskussion will der Vorstand unterschätzt haben. Ein wenig Selbstkritik seitens der Deutschen Bank, aber einiges an Kritik für die NGOs und die Konkurrenz sowie Entschuldigungen für das Institut. Die formulieren aber nicht die Deutschbanker sondern die Gesprächspartner, etwa eine Vertreterin von Ethix SRI Advisors, die NGOs mehr oder weniger vorwirft, schlecht informiert zu sein, selektiv die Deutsche Bank zu beschuldigen und andere, die viel schlimmer seien, zu verschonen. Zudem gebe es Kunden, denen Rendite wichtiger sei als nachhaltiges Investment. Die gelte es auch bedienen.
Ein Vertreter von Ecofact gesteht der Bank zu, dass Richtlinien auch "in einem gewissen Umfang pragmatisch sein müssen". Das ist ein Blankoscheck für die Bank - den sie auch einlöst. Sie argumentiert, einem Fondsmanager nicht befehlen zu können, unethische Investments aufzulösen. Er müsse ja nicht unbedingt neue dazukaufen. Außerdem müsse man bei Anlageentscheidungen auch immer den Wettbewerb im Auge behalten. Es sei es nicht allzu gut Kunden, durch zu genaues Nachfragen zu verärgern. Die Bank habe zudem auch langfristige Verpflichtungen, bei denen es schwer sei, sie sofort aufzulösen.
Aber man sollte nicht zu sehr auf die Bank schimpfen. Sie gibt selbst zu, nicht perfekt zu sein, und könne immerhin bestätigen, dass sich "in machen Portfolios keinerlei Anteile von Unternehmen finden, die an der Herstellung von Streubomben beteiligt sind". Selbst wenn die Bank also sagt, sie habe eine strenge Richtlinie und wolle keine Geschäft machen mit Unternehmen, die die vielfach geächteten Waffen herstellen - eine deutliche Absage sieht ganz anders aus.
Dementsprechend stimmt vor allem eines an dem Bericht, nämlich eine Aussage aus dem Vorwort von Josef Ackermann: "Als wichtigste soziale Verantwortung betrachten wir es, international wettbewerbsfähig zu sein und entsprechende Gewinne zu erwirtschaften. Nur so können wir die Interessen unserer Kunden, Aktionäre und Mitarbeiter langfristig wahren." So ist es nun mal in der Wirtschaftswelt, und man kann es dem Haus nicht einmal vorwerfen. Trotz allem haben solche Nachhaltigkeitsberichte wegen der unsäglichen Augenwischerei immer einen säuerlichen Beigeschmack - nicht nur bei der Deutschen Bank.
Lieber Herr Bremser,
ich wünsche Ihnen viel Geduld und Durchhaltekraft beim Beantworten der hier geäusserten Kommentare. Bei manchen Kommentierern ihres (guten) Kommentars muss man Zweifel haben, ob er/sie die Textgattung überhaupt kognitiv erfassen kann.
Man kann ja anderer Meinung sein, das ist alles völlig in Ordnung. Aber halbwegs gesittet für seine eigene Ansicht zu werben ist ja anscheinend nicht jedermanns Sache. Das Web lädt halt auch dazu ein seinen Frust loszuwerden.