"Die Welt" (Berlin): "DaimlerChrysler-Chef Jürgen Schrempp hat gezeigt, wie ein gescheiterter Manager Wert schaffen kann: durch seinen Rücktritt. Um mehr als 3,5 Mrd. Euro verteuerte sich der Autohersteller gestern an der Börse. Die Liste der Fehlentscheidungen ist lang. Schrempps Vision einer Welt AG, die auf allen wichtigen Märkten die gesamte Bandbreite der Modelle verkauft, ist gefloppt. Verlustreiche Einstiege bei Chrysler und Mitsubishi sind genauso Zeugnis davon wie die Probleme bei der Vorzeigemarke Mercedes-Benz. Auch für Deutschland ist dieser Wechsel ein gutes Signal. Die Zeiten des Kuschelkapitalismus in den Führungsetagen neigen sich dem Ende zu; der Generationswechsel ist bei fast allen Dax-Werten abgeschlossen wenn auch noch nicht in den Aufsichtsräten."
"Kieler Nachrichten": "Alles was Schrempp, der bei DaimlerChrysler in direkter Linie vom Stift zum Boss aller Bosse aufgestiegen war, in Bewegung setzte, ging am Ende schief. Allem voran sein Diversifizierungsprogramm, das Engagement bei Fokker, Smart und Mitsubishi. Alles in allem hat sein Schalten und Walten den Konzern ein Vermögen gekostet. Mit seinem Rücktritt gab Schrempp jedem Aktionär immerhin noch einmal Gelegenheit, Kasse zu machen. Bis zehn Prozent stieg der Aktienkurs. Der größte, die Deutsche Bank, hat's getan."
"Westfälische Rundschau" (Dortmund): "So sieht Schrempps Abgang eher nach Rausschmiss aus. Der allerdings wäre nach einer Latte von Misserfolgen viel früher angesagt gewesen: Milliarden wurden verbrannt, nur weil ein Manager dem Traum von der Welt AG der Autobranche nachhing. Nein, das ist nicht ganz richtig: Der Aufsichtsrat hat mitgespielt (wenn dieses verharmlosende Wort erlaubt ist). Und Schrempps Vertrag wurde verlängert, als auch die Kleinwagentochter Smart zum Sanierungsfall geworden war. All dies war längst bekannt. Warum jetzt so überraschend der Wechsel an der Konzernspitze? Der Aufsichtsrat hat mit seiner dürftigen Mitteilung nur Spekulationen Tür und Tor geöffnet. So haben ja nicht nur VW, BMW und Infineon ihre Korruptionsaffären, sondern auch bei Daimler wird ermittelt. Stehen uns hier noch Überraschungen bevor?"
"Neue Osnabrücker Zeitung": "Offenbar hat die Großaktionärin Deutsche Bank nur einen günstigen Zeitpunkt abwarten wollen, um den bei anderen DaimlerChrysler-Eigentümern längst in Ungnade gefallenen Schrempp loszuwerden. Das Warten hat sich gelohnt und auch das Täuschungsmanöver, dem Topmanager seinen Vertrag bis 2008 zu verlängern. Wohl nie zuvor hat eine Personalie die Börsianer in Deutschland derart in Jubel versetzt wie der jetzt über Schrempp gesenkte Daumen. Und dass die Deutsche Bank gleich die Chance nutzte, um sich mit sattem Gewinn von einem großen Aktienpaket zu trennen, ist auch ein Indiz für die Probleme, die Schrempp bei dem Autobauer hinterlässt."
"Hamburger Abendblatt": "Schrempp erwies sich im Festhalten an seiner Expansionsstrategie als beratungsresistent und als Mann, der mit Kritik schlecht umgehen kann. Mit Dieter Zetsche übernimmt nun ein Manager das Ruder, der zumindest in seinem Auftreten um Ausgleich bemüht ist. Und er wird frei von eingefahrenen Strategien agieren können, weil Schrempp nicht im Aufsichtsrat sitzen und dort auf das Fortführen seines Kurses drängen wird: DaimlerChrysler bekommt endlich eine neue Chance."
"Schwäbische Zeitung" (Leutkirch): "Jürgen Schrempp hat den Aktionären viel versprochen und wenig gehalten. Es verwundert aber, dass er erst jetzt die Konsequenzen daraus zieht. Immerhin hat es Schrempp vor seinem Abgang noch geschafft, den Konzern wieder in ruhigeres Wasser zu manövrieren. Mercedes ist bei Qualität und Profitabilität auf dem Weg der Besserung, und Chrysler fährt statt Verlusten Gewinne ein, zumindest momentan. Schrempps Nachfolger Dieter Zetsche wird in Stuttgart aber kein bestelltes Haus vorfinden - eher eine Baustelle."
"Der neue Tag" (Weiden): "Niemand scheint Schrempp eine Träne nachzuweinen. Schrempps Traum war die Welt AG: Der bedeutendste Schritt hierzu war die Fusion mit Chrysler, die nichts weniger war als eine Übernahme. Der amerikanische Autobauer entpuppte sich als Sanierungsfall, schreibt inzwischen zwar schwarze Zahlen, aber der Preis für die Aufpäppelung war deftig. Die Beteiligung bei Mitsubishi endete in einem Desaster. Aktionärsschützer gehen davon aus, dass bei diesen Abenteuern Milliarden verbrannt wurden. Beim Smart mussten Riesen-Verluste verbucht werden, das 1,2 Mrd. Euro teure Sanierungsprogramm wurde von Investoren heftig kritisiert."
"Thüringer Allgemeine" (Erfurt): " Die Affäre bei VW, aber auch dieser plötzliche Abgang zeigt, dass sich die ansonsten außerhalb jeglicher Kritik agierenden Wirtschaftsspitzen in Deutschland irren können. Das dürfte vor allem in der Politik mit Interesse registriert werden. Wird man doch nahezu jeden Tag ermahnt, die notwendigen Reformen der Sozialversicherungssysteme schneller voran zu bringen."
"Frankfurter Neue Presse": "Schrempp geht nicht freiwillig. Dafür spricht schon, dass das Kontrollgremium in seiner offiziellen Erklärung kein einziges Wort des Dankes für seinen scheidenden langjährigen Vorstandschef übrig hat, wie es sonst üblich ist, und Schrempp nicht in den Aufsichtsrat rückt. Zu vermuten ist, dass schließlich Aufsichtsratschef Hilmar Kopper den Protesten der Kleinanleger, aber auch dem offenbar wachsenden Druck der Großaktionäre - allen voran der Deutschen Bank - nachgegeben hat und den Daumen über seinen Duzfreund gesenkt hat. Als Feindbild für die Aktionäre ist Schrempp schließlich zur Belastung für den Konzern geworden und seine Demission zum großen Befreiungsschlag für den Automobilbauer geraten. Das Kursfeuerwerk zeigt dies überdeutlich. Am Ende könnte Schrempps Arbeit doch noch die erhofften Früchte tragen. Ernten werden sie dann aber andere."
"Saarbrücker Zeitung": "Der Mann, der den ´Shareholdere value´, also das Wohl der Aktionäre, einst über alles stellte, geht wegen der miserablen Kursentwicklung der Unternehmensaktie als großer Geldvernichter in die Aktiengeschichte ein. Sein Rückzug wäre eigentlich spätestens nach dem Mitsubishi-Desaster fällig gewesen. Stattdessen verlängerte Oberaufseher Hilmar Kopper ohne Not Schrempps Vertrag vorzeitig: Ein Ausdruck der letzten Regungen der alten Deutschland AG, die derzeit auseinander bricht."