Frankfurter Rundschau: So viel Trara wegen 18 Minuten. Die hängen andere Beschäftigte doch täglich dran und merken es kaum noch. Die Versuchung liegt nahe, den Streik der Müllwerker und Erzieherinnen abzubuchen als lästiges Ritual, als Machtspiel ohne Maß gar. Doch es geht wirklich nicht um 18 Minuten am Tag. Auf die Straße ziehen Arbeiter und Angestellte, die um ihren Job fürchten, weil die notorisch klammen Kommunen die Arbeitszeitverlängerung sehr wohl nutzen könnten, um Stellen einzusparen.
Die Welt (Berlin):Im Kern geht es dabei um die Frage, wie viel ein sicherer Arbeitsplatz heute wert ist. Ist es zumutbar, dass diejenigen, die ihn haben, wöchentlich eineinhalb Stunden länger arbeiten? Ja, das ist zumutbar. Die finanzielle Lage der meisten Städte und Gemeinden ist unverändert desolat. Dazu gehört auch, das Personal weiter zu verringern. Aufgabe des öffentlichen Dienstes ist es, den Bürgern staatliche Leistungen zur Verfügung zu stellen. Seine Aufgabe ist es nicht, so viele Menschen wie möglich zu beschäftigen.
Hannoversche/Hessische Allgemeine (Kassel): Für die Gewerkschaft Verdi wird es schwer werden, bei den von Streiks Betroffenen Verständnis zu wecken. Viele werden verstehen, dass man den Beschäftigten nicht ans Portemonnaie gehen sollte. Aber was ist gegen eine 40-Stunden-Woche einzuwenden - zumal, wenn der Job krisenfest ist? Die Finanznot der Kommunen ist jedenfalls bekannt. Sie müssen nach Auswegen aus der drohenden Pleite suchen - auch zu Lasten ihrer Mitarbeiter.
Märkische Allgemeine (Potsdam): Die neue Auseinandersetzung mit den Kommunen bietet die Gelegenheit für einen Arbeitskampf - und zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Denn wenn eine Landesbehörde bestreikt wird, merken die Bürger davon wenig. Wenn die Müllabfuhr nicht kommt, ist das dagegen sofort spürbar. Ob die Gewerkschaft erfolgreich sein wird, hängt vor allem davon ab, ob die Bürger - die selbst oft länger arbeiten müssen, weniger verdienen oder unsicherere Jobs haben - Verständnis für solchen Widerstand gegen 1,5 Stunden Mehrarbeit pro Woche haben werden.
Neue Osnabrücker Zeitung: Die kommunalen Beschäftigten hatten einen ausgesprochen sicheren Arbeitsplatz. Der ist in der jetzigen Zeit kostbarer denn je. Entsprechend zurückhaltend sollten Staatsdiener in Gehalts- und Arbeitszeitfragen auftreten. Zudem ändern noch so markige Parolen und Proteste nichts daran: Die Kassen der Kommunen sind leer. Auch private Firmen, die auf kommunale Aufträge angewiesen sind, leiden stark. Pleiten und Entlassungen vor allem in der Baubranche und im Handwerk sind die Konsequenz. Schon deshalb müssen die Personalkosten im öffentlichen Dienst begrenzt bleiben.
Flensburger Tageblatt: Den sicheren Job-Besitzern des öffentlichen Dienstes ist eine Arbeitszeitverlängerung um täglich 18 Minuten zumutbar. Das Gewerkschaftsargument, das koste Jobs, wurde längst durch fünf Millionen Arbeitslose widerlegt, deren Schicksal auch Ergebnis von Arbeitszeitverkürzung und der damit verbundenen Kostensteigerung war. Seit Bildung der großen Koalition wächst in der Bevölkerung die Einsicht in finanzielle Notwendigkeiten. Die Popularität der Kanzlerin steigerte sich trotz Mehrwertsteuererhöhung und Rente ab 67. Das öffentliche Bewusstsein ist den Bunkerstimmungen der Dienstleistungs-Gewerkschafter weit voraus.