"Frankfurter Rundschau":Joschka Fischer, der sich aus der ersten Reihe verabschiedet, spricht selbst von einer Zäsur. Die Grünen ohne ihn? Nicht ganz zwar, weil er Abgeordneter bleibt. Perspektivisch aber doch. Denn den Regierungsanspruch für die Zukunft müssen nun Jüngere verkörpern. Genau dazu will er sie jetzt auch drängen. Für die aktuellen Koalitionsfragen ist das eher unwichtig. Ein Signal bestenfalls in einer Hinsicht: Wenn er noch mit dem "Ampel"-Bündnis rechnen würde, wäre er, der so oft schon zwischen Amtsmüdigkeit und neuer Kampfeslust schwankte, etwas anders aufgetreten. In Sachen "Jamaika"-Phantasie sitzt die grüne Skepsis ohnehin derart tief, dass es hier Fischers lenkenden Einfluss nicht braucht. Das gerade charakterisiert ja die Partei: Noch wird sie klar von Rot-Grünen dominiert.
"Die Welt", Berlin:
Nach 48 Stunden schockgefrorenen Stillstands kommt Bewegung in die Berliner Politik. Das vielgescholtene Parteiensystem beginnt sich einen Reim zu machen auf das verwirrende Votum der Wähler. Als erster nimmt der noch amtierende Außenminister die Deckung herunter. Joschka Fischer erklärt, für große politische Ämter nicht mehr zur Verfügung zu stehen. Ein Hintertürchen hält er sich zwar noch offen, trotzdem: Keiner hat mit solcher Wucht für Rot-Grün gekämpft wie Fischer selbst. Nun nimmt er das Ende seines politischen Projekts an und nennt es, wie es anders nicht zu nennen ist: eine Zäsur. Nicht nur eine politische, sondern auch eine persönliche. Der Kontrast zum Kanzler könnte nicht größer sein in diesem Moment.
"Märkische Allgemeine", Potsdam:
Joschka geht. Vom Parkett der hohen Diplomatie zurück in die staubigen Ebenen der Ausschüsse und Zwischenrufe. Gerade Joschka Fischer, den allzu langer Stillstand selbst an der Spitze des Außenamtes mitunter zu langweilen schien, ist denkbar ungeeignet, ins Glied der Abgeordneten zu treten. Mit dem Verzicht auf Fraktionsämter hält er sich eine weitere "Verwendung" als Minister offen, wenn das Farbenspiel einer künftigen Koalition dies hergeben sollte. Wahrscheinlich ist es nicht. Da kaum vorstellbar ist, dass der Vizekanzler ein anderes Ressort übernehmen würde, bliebe im Falle eines Dreierbündnisses für die anderen Partner nur wenig Ämter-Spielraum. Bleibt das künftige Kabinett grünen-frei, so scheidet er als geachteter Staatsmann aus, hält gut bezahlte Reden und schreibt Bücher. Das heißt, einen interessanten Posten gebe es da noch: Die Chancen der Deutschen auf den Uno-Generalsekretär stünden nicht schlecht, heißt es in Berlin...
"Mannheimer Morgen":
Ist dem Marathonläufer Fischer völlig die Luft ausgegangen? Davon kann keine Rede sein. Der "Übervater" der Grünen braucht kein offizielles Amt, um in der Partei weiterhin eine tonangebende Person zu sein. Auch aus den hinteren Reihen des Bundestages kann er sich mit seinem Charisma und seiner Wortgewalt entscheidend einmischen und Dinge in seinem Sinne lenken. Einer wie er, der sieben Jahre lang durch die Welt getourt ist und an der Rolle des Diplomaten im Dreiteiler größten Gefallen gefunden hat, braucht dafür nicht die Rolle des Fraktionschefs, die mit so viel Kärrnerarbeit verbunden ist. Das ist geschickt, denn mit einem solchen Rückzug auf Raten hält er sich auch den Weg zurück ins Kabinett frei, sollten die Grünen wider Erwarten doch noch in der Regierung landen. Zugleich setzt sich Fischer nicht dem Verdacht aus, an einem Posten zu kleben. Seine Partei steht vor einem Generationswechsel. Fischers Rückzug gibt ihr die Chance, ihn möglichst sanft zu vollziehen.
"Aachener Zeitung":
Man kann Fischers Schritt bedauern, weil der 68er, der diese Republik mit geprägt hat, einer der wenigen Politiker mit Profil ist, eine polarisierende Figur. Doch sein Entschluss ist aufrecht, sich selbst gegenüber, denn was jetzt kommt, kann einen Politiker seines Kalibers nicht reizen. Der Entschluss ist auch fair, seiner Partei gegenüber. Denn die Grünen müssen sich nun neu aufstellen, sich von der SPD emanzipieren und neue Wege ausloten. Das geht ohne den Übervater besser. Fischer hatte anscheinend die ruhigen Stunden, um über seine Zukunft nachzudenken. Sein Rückzug in die Altersteilzeit ist auch: eine klare Entscheidung.
"Badische Zeitung", Freiburg:
Dies ist neben Fischers Rückzug auf die Hinterbänke des Parlaments die eigentliche politische Botschaft des Tages: Fischer hält die Pläne der SPD zur Bildung einer Ampelkoalition für einen Wunschtraum ohne Aussicht auf Verwirklichung. Das Signal des noch amtierenden Außenministers zielt auf den noch amtierenden Bundeskanzler. Einst waren Schröder und Fischer die Garanten rot-grüner Koalitionsstabilität - als "Koch und Kellner", wie Schröder die Hierarchie frühzeitig festgelegt hatte. Gestern hat der Kellner dem Koch vorgemacht, wie und wann man mit Anstand das gemeinsame Lokal verlässt.
"Neue Westfälische", Bielefeld:
Geradezu wohltuend ist es nach dem selbstherrlichen TV-Auftritt von Kanzler Gerhard Schröder am Sonntagabend, dass sich sein rot-grüner Co-Pilot so überlegt zeigt. Joschka Fischer beendet mit seinem Rückzug aus der ersten Reihe seiner Grünen ein Kapitel in der deutschen Parteiengeschichte. Und er akzeptiert damit, dass Rot-Grün die Mehrheit zum Weiterregieren entzogen wurde. Gleichzeitig macht Fischer den Weg frei für neue Koalitionsbildungen. Ein Fritz Kuhn, eine Katrin Göring-Eckardt können unbelastet mit CDU und Liberalen oder SPD und Liberalen verhandeln.
"Stuttgarter Zeitung":
Joschka Fischer hat einen exzellenten Zeitpunkt gewählt, sich aus der ersten Reihe zurückzuziehen. Mit dem Ende von Rot-Grün ist eine Ära zu Ende gegangen, hat er am Dienstag gesagt. Für sich darf er das so sehen. Er hat den Prozess entscheidend geformt, der aus einer Gruppe letztlich unpolitischer Protestler und Utopisten eine berechenbare, auch im bürgerlichen Lager respektierte Kraft gemacht hat. Die Macht im Bund war der krönende Abschluss. Jetzt kann man gehen. So kann man gehen. Das ist auch ein Wink an den Weggefährten Gerhard Schröder.