"Frankfurter Allgemeine Zeitung":
Es ist zu vermuten, dass Bundesbildungsministerin Schavan eine Vorstellung davon hat, wie es an deutschen Schulen zugeht. Doch weiß sie auch, wie es um die deutsche Wirtschaft bestellt ist? Frau Schavans Aufforderung, die Unternehmen sollten ihre Top-Mitarbeiter für den Schulunterricht freistellen, lässt daran gewisse Zweifel aufkommen. Momentan und vermutlich noch für einige Zeit sind etliche Führungskräfte, obschon meistens geborene Pädagogen, damit ausgelastet, das Überleben ihres Unternehmens und des eigenen Arbeitsplatzes zu sichern. Oder sollte Frau Schavan eher an die schon beschäftigungslosen Derivatekonstrukteure gedacht haben, die den Schülern beibringen könnten, wie man erst Banken und dann ganze Volkswirtschaften ruiniert? An die Manager, die Ethik-Unterricht geben könnten? Konsequenterweise müsste die Ministerin dann aber auch fordern, dass, der wertvollen Impulse aus der Praxis halber, die Lehramtsstudenten, die sich jahrelang auf ihren Beruf vorbereiten, wenigstens kurz bei Lehman und Co. in die Lehre gehen. Nur so würde ein ganzer Faschingsscherz daraus.
"Mannheimer Morgen":
Bundesweit fehlen etwa 2000 Lehrer - das bedeutet rund 500.000 ausfallende Unterrichtsstunden pro Woche. Und die Lücke sollen nun ausgerechnet hoch spezialisierte Fachkräfte schließen, die von Didaktik und der Arbeit mit Kindern so viel verstehen wie ein Grundschullehrer von Atomphysik? Für die Qualität des Unterrichts lässt diese Vorstellung nichts Gutes erahnen. Die Versorgung mit Stunden ist auch in Zeiten des Lehrermangels kein Selbstzweck. Wenn ein Lehrer Kindern den Stoff nicht vermitteln kann, ist er im Klassenzimmer fehl am Platz - und sei er in seinem Fach noch so gut.
"Mitteldeutsche Zeitung" (Halle):
Mitunter wird man in der Bildungsdebatte das Gefühl nicht los, dass ganz bewusst in Kauf genommen wird, mit diffusem Gerede über schlechte Lehrer den letzten engagierten Pädagoge der Republik zu demotivieren. Was denkt sich etwa Bundesbildungsministerin Annette Schavan, wenn sie nach Top-Leuten aus der Wirtschaft ruft? Diese sollen in den Schulen tun, was die Lehrer nicht können. Guten Physikunterricht machen zum Beispiel. Verbirgt sich dahinter mehr als populistisches Gerede? Kaum. Denn auch Schavan weiß, dass es zur Vermittlung von Inhalten auch Didaktik braucht. Sonst wäre auch die siebenjährige Lehrerausbildung in Deutschland überflüssig. Statt den Beruf für die Besten attraktiv zu machen, schlägt auch sie in die bekannte Kerbe.
"Süddeutsche Zeitung" (München):
Die "Top-Mitarbeiter" aus der Wirtschaft sollen nun also zeigen, wie es geht. Man darf gespannt sein. Immerhin haben Manager und Finanzexperten mit ihren tollen Schulnoten gerade ihre Potenz darin erwiesen, Banken in den Ruin zu treiben. Nun hätten einige dieser Top-Leute ja tatsächlich Zeit, sich den Schulen zuzuwenden.
Als Bundesministerin ist Annette Schavan weder für die Ausbildung noch für die Einstellung von Lehrern zuständig. Um es mit einem schönen Wortungetüm des Philosophen Odo Marquard zu sagen: In einem Anfall von Inkompetenzkompensationskompetenz hat Schavan wieder einmal in die Kulturhoheit der Bundesländer hineingefunkt.
"Thüringer Allgemeine" (Erfurt):
Profis gesucht: Die Bundesbildungsministerin schlägt vor, Unternehmen sollten ihre besten Ingenieure freistellen, damit diese dann Schülern Physik beibringen können. Wie die Ministerin darauf kommt? In Deutschland herrschen Lehrermangel und Kurzarbeit - da sind eins und eins offenbar schnell addiert. Ein Rosenmontagsscherz ist die Debatte, mehr nicht. Dabei ist die Lage ernst: Leistungsstarke Abiturienten wollen in Deutschland selten Lehrer werden. Die Attraktivität des Berufes wird aber sicher nicht erhöht, indem ihn Frau Schavan zur Allerwelts-Profession erklärt.
"Pforzheimer Zeitung":