"Die Amerikaner geben ihm eine zweite Chance, in dem Wissen, dass Präsidenten eine zweite Amtszeit effektiver und ertragreicher gestalten - schon deshalb, weil sie sich nicht schon nach zwei Jahren mit ihrer Wiederwahl beschäftigen müssen. Vier volle Jahre hat Obama also Zeit, dieses "großartigste Land der Welt" wieder auf Vordermann zu bringen. ... Die vier besseren Jahre, die Obama verspricht, müssen jetzt anbrechen."
"Sehr oft kommt es nicht vor, dass die Amerikaner etwas tun, was die Deutschen - selten ist dieser Sammelbegriff so gerechtfertigt wie in dieser Angelegenheit - derart erfreut wie die Wiederwahl Obamas. In Umfragen wollten ihn bis zu 92 Prozent der Deutschen behalten, man muss wohl sagen: als ihren Präsidenten. (.)
Obama war kein Freund von Frau Merkels Konsolidierungslinie, dürfte im Ringen mit dem Kongress um den Haushalt aber selbst bald an die Grenzen seiner bisherigen Verschuldungspolitik stoßen. Auch deshalb wird Washington fordern, dass Europa, an erster Stelle Deutschland, sich stärker an der politischen, finanziellen und militärischen Bewältigung der Krisen dieser Welt beteiligt. Man kann jetzt mit einem gewissen Recht sagen, 92 Prozent der Deutschen wollten es nicht anders haben."
"Die USA sind ein zerrissenes Land. Hier das liberale Lager um Obama, dort teilweise reaktionär-erzkonservativ auftretende Republikaner. Das Land zu versöhnen ist jetzt seine größte Herausforderung. Die Hoffnung auf eine gemeinsame amerikanische Familie scheint dabei jedoch nur schwer umsetzbar."
"Barack Obama ist es in den vergangenen Jahren nicht gelungen, die tiefe Spaltung der amerikanischen Gesellschaft zu überwinden. Doch gegen die Stimmen der Republikaner wird er die Wende nicht schaffen. Sollte es ihm aber gelingen, ohne den Druck der Wiederwahl neue, konstruktive Gespräche mit einem deutlich geschwächten Gegner zu führen, dann wäre die Wende zum Guten möglich. Und alle könnten auf vier weitere, gute Jahre hoffen."
"Obamas zweite Amtszeit wird sich grundsätzlich von seiner ersten unterscheiden. Aus dem ehemaligen Heilsbringer, der mit völlig überzogenen Hoffnungen gestartet war, ist ein ganz normaler Politiker geworden. Und doch hat Obama nun endlich die Chance, in die Geschichtsbücher einzugehen: Als der Präsident mit der schlechtesten ersten und der besten zweiten Amtszeit. Wenn es Barack Obama gelingt, die tiefen Gräben, die Amerika teilen, zu überwinden."
"Mitt Romney ist ein Mann der Vergangenheit: weiß, reich, klassische Elite. Im Vergleich wirkt Barack Obama wie ein Mann der Zukunft: multiethnische Identität; ein Aufsteigertyp, der das Reservoir der Elite erweitert. Dazu ein Mensch mit Gespür für neue Strömungen. Das betrifft einerseits die technische Revolution, die er für seinen Internetwahlkampf nutzte. Auch da triumphierte moderne Technik über die klassischen Methoden. Andererseits geht es um soziale Trends. Parallel zur Präsidenten- und Kongresswahl stimmten die Amerikaner mancherorts über die Legalisierung von Marihuana und die Gleichstellung der Homo-Ehe ab. Die Republikaner stemmen sich gegen solche Entwicklungen."