Die Lage der deutschen Solarindustrie, einst weltweiter, die Länge der Produktlebenszyklen definierender industrieller Führer, ist prekär. Bekannte Namen wie Solon , Q-Cells oder Sovello haben Insolvenz angemeldet, fast die gesamte Branche schreibt rote Zahlen. Die Zulieferer stehen unter Druck ebenso wie die Ausrüstungsindustrie mit ihrer bisher weltweit einzigartigen Wettbewerbsstellung. Ostdeutschland verliert zunehmend seine Chance, mit einer eigenen Technologie wirtschaftlich aufzuschließen.
Der Ökonom Joseph Schumpeter nannte die nach einem Aufschwung einsetzende Marktbereinigung als Konkursgeschäfte. Unternehmer restrukturieren die Branche und bündeln die vorhandene Nachfrage. Die Solarindustrie erlebt derzeit weltweit eine solche Konsolidierung, von der die deutschen Unternehmen trotz der einstigen Marktführerschaft hart betroffen sind. Was ist zu tun, damit "Phönix aus der Asche" steigen kann?
Erstens: Die Bundesregierung hat eine erhebliche Verantwortung für die missliche Lage, hat sie doch nicht rechtzeitig Abschied von der reinen Nachfrageförderung durch das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) genommen. Nach den Milliardeninvestitionen in die Solarindustrie und dem bekundeten Willen zur Energiewende muss eine Standorterosion verhindert werden. Nur Technologiesprünge in den Produkten und der Fertigung können dies erreichen. Die Bundesregierung muss die Restrukturierung finanziell begleiten und dabei vermeiden, dass noch gesunde Unternehmen durch staatlich subventionierte "Zombie-Unternehmen" zerstört werden. Nach Insolvenz geschuldete Beihilfen könnten in Eigenkapital umgewandelt werden und solche Unternehmen, die sich verbreitern und vertiefen wollen, für Zukäufe Unterstützung erhalten, um die Branchenkonsolidierung voranzutreiben.
Zweitens: Der Staat muss verlässliche Rahmenbedingungen setzen. Das EEG fortzuschreiben und dabei Fördersätze zu reduzieren ist keine Lösung und verschleppt das Problem, bietet es doch weiterhin fehlerhafte Anreize, Fertigungstiefe sowie Forschungs- und Entwicklungsintensität zu steigern, um robuste Unternehmen zu erzeugen. Eine Solarförderung, die einer pfandbriefähnlichen Finanzinvestition ähnelt, bei der es insbesondere keinen Anreiz gibt, bei vorhandenen Anlagen vor Ablauf der Förderzeit in modernere Systeme zu investieren, ist nicht zukunftsfähig. Anders als in der Vergangenheit muss der Abschied von der Einspeisevergütung so gestaltet werden, dass die betroffenen Unternehmen planen können.
Drittens: Die Bundesregierung muss sich über einen EC (Erneuerbaren-Cent) Gedanken machen, um die Forschung zu finanzieren. Während der Atomenergie noch vor 25 Jahren vier vollfinanzierte Forschungszentren mit über 10.000 Mitarbeitern zur Verfügung standen (Karlsruhe, Jülich, Geesthacht und Rossendorf in der DDR), ist dies bei den Erneuerbaren nur etwa ein Viertel. Da ein Großteil der Forschung bei der Fraunhofer-Gesellschaft organisiert ist, deren Grundfinanzierung nur 30 Prozent beträgt, drohen durch die Schwäche der Branche nun bis zu 70 Prozent wegzubrechen. Die Dringlichkeit der Energiewende spiegelt sich in der finanziellen Forschungsförderung nicht wieder. Hier sind kurz- bis mittelfristige Überbrückungslösungen gefragt, um den stetigen Strom aus der Forschung in die Industrie aufrechtzuerhalten und die Technologieführerschaft zu sichern. Zugleich sind die regenerativen Energien analog der Kernforschung dringend in die industrielle Gemeinschaftsforschung (AIF) einzubeziehen.
Viertens: Das bisherige EEG ist durch eine Quotenregelung, die die Versorger zwingt, bestimmte, über die Zeit wachsende Anteile der regenerativen Energien in ihren Energiemix einzubauen, zu ersetzen. Die bisherige Nachfragesubvention würde ersetzt durch den Zwang zur Quersubvention. Das macht die Energiewende nicht kurzfristig, wohl aber langfristig für die Kunden wesentlich wirtschaftlicher, weil der Wettbewerb um effiziente Einspeiselösungen entfacht würde. Zugleich würden klare Preis- und Mengensignale den Markt für konventionelle Ergänzungen, beispielsweise Gaskraftwerke, stabilisieren und die hier bisher nicht vorhandenen Investitionsanreize setzen.
Fünftens: Eine Quotenregelung würde es auch erleichtern, die ungelösten Regulierungsprobleme an die heutigen technischen Möglichkeiten anzupassen. Solange fehlende Leitungskapazitäten das Problem sind, müssen regenerative Energiesysteme verstärkt im süddeutschen Raum ausgebaut werden. Das EEG ist im Wesentlichen standortneutral, die Quotenregelung nicht, sie würde in näherer Zeit vor allem kleinräumige Spezialanwendungen bevorzugen. Eine deutsche Solarindustrie als Kostenführer ist vor allem über Tochterunternehmen in den Schwellenländern denkbar, in Deutschland wird sie sich nur als Qualitäts- und Nischenanbieter durchsetzen. Dies würde so begünstigt.
Die Politik und die Industrie müssen sich offen eingestehen, der deutschen Solarindustrie mit dem Erneuerbare-Energien-Gesetz mehr geschadet als geholfen zu haben. Umso mehr ist nun die Politik gefordert, im Rahmen des Neuansatzes zu einer erfolgreichen Energiewende den Schaden zu begrenzen und die Weichen für einen eigenständigen Fortbestand der deutschen Solarindustrie richtig zu stellen.
Sebastian Biedenkopf ist Rechtsanwalt und Unternehmensberater in Hamburg, bis Februar 2012 war er Finanzvorstand der Conergy AG.
Ulrich Blum ist Professor für Wirtschaftspolitik und Wirtschaftsforschung an der Universität Halle-Wittenberg.
Gestern gab es die Mitteilung eines der europäischen Marktführer im Bereich kleine Photovoltaik-Aufdachanlagen, das man dabei ist 100 Filialen eines süddeutschen Lebensmitteldiscounters mit dacheingebundenen Photovoltaikanlagen zu je 80 kWp auszustatten. Ca. 90 % des produzierten Stroms soll in der Filiale selbst verbraucht und nur 10 % via Einspeisevergütung in das öffentliche Netzt eingespeist werden. Das ist angesichts eines G3-Standardlastprofils möglich.
D.h., in der bekanntlich auf äußerste Kostendisziplin wertlegende Lebensmitteldiscounterbranche ist Strom aus einer Photovoltaikanlage mittlerweile günstiger zu produzieren als der Stromeinkauf selbst zu Großhandelspreisen! Voll im Wettbewerb fast ohne stattliche Einspeisevergütungen. Und man darf annehmen, das diese Branche auch beim Stromeinkauf schon bisher um jeden Hunderstel-Cent verhandelt hat.
Bei dieser erreichten Ausgangslage ist es völlig unverantwortlich, die mit weiten Abstand günstigste Stromerzeugungsform - die Photovoltaik - weiter ständig in den Medien als zu teuer hinzustellen.
M.E. sollte man in der EEG-Förderung nicht nur Solarparks größer 10 MW von der Förderung ausnehmen, sondern generell alle Photovoltaikanlagen die keinen hohen Eigenverbrauch in räumlicher Nähe haben. Und das so eingesparte Geld der Verbraucher in direkte Förderung von Speichersystemen geben, wie es etwa unsinnigerweise schon heute bei der Mini-KWK-Förderung für konventionelle Gasverbrennung in Höhe von 1.500 Euro pro 1-KW-Anlage geschieht.
Auch in diesen Monaten werden landauf landab weiter riesige Freiflächensolaranlagen mit Volleinspeisung gebaut. Dafür müssen jeweils fast komplett konventionelle Energieerzeuger vorgehalten werden, die sich aber immer weniger rechnen. So geht die Energiewende nicht. Speicherkonzepte für Erneuerbare Energien sind jetzt das Wichtigste überhaupt.