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Merken   Drucken   19.06.2008, 10:38 Schriftgröße: AAA

Streit um die Verfassung: Abschied von den Vätern  

Schön, welche Worte Kommentatoren einfallen, um das gescheiterte Referendum in Irland zu beschreiben: Katastrophe! Krise! Desaster! Debakel! Niederlage! Rückschlag! Zwischenfall! Betriebsunfall! Wie absurd. von Nikolaus Förster
Das Nein zum Vertrag von Lissabon ist ein Triumph für Europa. Endlich wird offenbar, wie weit sich Brüssel von seinen Bürgern entfernt hat. Das Europa der zwei Geschwindigkeiten, das jetzt erneut von einigen Politikern mit drohendem Unterton als Ausweg beschworen wird, existiert längst. Nur verläuft die Trennlinie nicht entlang geografischer Grenzen, sondern innerhalb der Gesellschaft. Die Politiker, die zu wissen glauben, was gut ist für Europa, sind den Bürgern längst enteilt.
Die angeblichen Volksvertreter empören sich, dass ihr ach so wichtiges Projekt der europäischen Integration immer weniger Menschen überzeugt - und verschließen ihre Augen vor der traurigen Einsicht, dass sie selbst einem starken Europa im Weg stehen. Höchste Zeit, dass sie sich auf die Couch legen. Und sich klarmachen, dass sie unter einer Wahrnehmungsstörung leiden.
Wie überheblich die politische Klasse inzwischen geworden ist, verraten die Reaktionen auf das Nein aus Dublin. Die Iren dürften nicht isoliert und "in die Ecke gestellt" werden, hieß es in den vergangenen Tagen - als habe man es mit einem Schüler zu tun, der sich danebenbenommen hat. Wenn öffentlich vorgerechnet wird, wie viele Milliarden Euro Irland in den vergangenen Jahrzehnten aus Brüssel erhalten habe, drängt sich das Bild des undankbaren Schülers auf. Was ist in ihm vorgegangen? In dem Schmuddelkind aus dem "Armenhaus Europas", das einst in die schöne Gemeinschaft aufgenommen wurde, das sich brav einfügte und zeitweise gar zum Klassenprimus avancierte? Unerhört!

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