Noch beunruhigender ist, dass die Lage sich damit gerade in der Zeit verschlechtert hat, in der die Deutschen de facto so viel reformiert haben wie noch nie in der Bundesrepublik: am Arbeitsmarkt, bei Steuern, in der Rente und im Gesundheitssystem; oder in den Betrieben, in denen länger gearbeitet und auf Lohn verzichtet wird.
Die Wirtschaft stagniert - obwohl der Standort im Ausland wieder gelobt wird. Die Wirtschaft kriselt - obwohl die Firmen nach harter Sanierung so effizient und profitabel aufgestellt sind wie seit Jahren nicht. Hier liegt das Paradox und größte gesamtwirtschaftliche Problem, das die nächste Regierung dringend zu lösen hat. Das Land braucht nicht mehr oder weniger Reformen, sondern einen besseren Mix. Denn: Nach zweieinhalb Jahren Agenda 2010 drängt sich der Verdacht auf, dass manche Reform schlicht an dem vorbeiging, was uns akut plagt. Und dass selbst die besten Langzeitreformen wenig bringen, wenn sie kurzfristig die ohnehin schon dramatische Konsumkrise verschärfen - wie das bei Praxisgebühren, Netto-Rentenkürzungen und immer neuem Verzicht eben ist.
Unternehmen sparen Milliarden
In den vergangenen Jahren haben die Betriebe etliche Milliarden Euro eingespart. Die Beschäftigten arbeiten länger, für weniger Weihnachts- und Urlaubsgeld, gehen später in Rente. Die Löhne liegen je Beschäftigten real fast 1,5 Prozent niedriger als 2000, weltweit einzigartig. Insgesamt erwirtschaften die Unternehmen mehr Geld, als sie zum Investieren derzeit brauchen. Die Deutschen haben ihren Weltmarktanteil trotz neuer Konkurrenz aus China, Osteuropa und Indien gehalten - anders als die USA.
All das mag nicht weit genug gehen. Nur: Hätte es nicht wenigstens etwas Besserung bringen müssen - statt neuer Arbeitslosenrekorde? Am Handwerklichen, wie die Union sagt, kann es allein nicht liegen. Die Gewinne steigen ja, die Exporte auch.
Die Antwort ist komplizierter. Dass der Schub ausblieb, hat zum Teil Gründe, die mit Reformen nicht zu beheben sind: Ölpreisrekorde und Euro-Höhenflüge, die gerade deutsche Firmen trafen. Einen Teil haben die Reformer indes selbst vollbracht.