"Geiz ist geil!" lautete der Slogan, mit dem Herr Jung und Herr von Matt kurz darauf die Billigelektroniker von Saturn begeisterten. Das hat die Republik erschüttert. Denn alle wollten geil sein. Die Discounter-Anzeigen wurden zum Konsumleitfaden für Millionen. Ansonsten blieb die Geldbörse zu. Die Einzelhändler rauften sich die Haare, dachten sich die tollsten Sonderangebote aus, saßen mit rotgeweinten Augen hinter ihren leeren Kassen, einer aus Oldenburg stellte sich sogar auf den Kopf und wer mitmachte, bekam 20 Prozent Rabatt - half alles nix.
Bei Jung von Matt werden sie sich in diesen langen unbezahlten Überstundennächten auf die Schenkel geschlagen haben. Und wenn ein Reporter bei Herrn Jung anrief und ihn zu dem ganzen Elend befragte, blieb der ganz cool und sagte Sätze wie: "Es geht nicht um die Förderung negativer menschlicher Eigenschaften, sondern nur um den Hinweis: Hier machst du einen guten Deal." Oder: "Jede Gesellschaft erhält die Werbung, die sie verdient."
Das saß. Doch irgendwann haben die Verhältnisse auch die Kreativen eingeholt. Inzwischen finden nämlich auch deren Kunden Geiz geil, und zwar so richtig geil. Günstixt allein genügt ihnen nicht, sie wollen jetzt alles - für nix. Manche Werber lassen sich nicht lumpen. Sie machen neuen Kunden das "unmoralische Angebot", für lau zu arbeiten und erst zu kassieren, wenn das Ergebnis besser gefällt als die Kampagne der Konkurrenz. Die Kreativen von BBDO erdachten eine wirklich megageile Geizofferte, die sie ausgerechnet dem langjährigen Jung-von-Matt-Kunden Sixt unterbreiteten: Drei Jahre lang wollte Herr Kemper, der Chef von BBDO, den Autovermieter bedienen, ohne einen Cent zu verlangen.
Das wären selbst für hartgesottene Kreative ziemlich viele unbezahlte Überstunden, und Herr Jung schimpfte, so sei das doch alles nicht gemeint gewesen. Zum Glück blieb Sixt ihm treu und will auch weiter zahlen. Vielleicht hat der Autovermieter irgendwann mal in den Werken des Ökonomen John Ruskin geblättert. Der war Schotte und wusste vielleicht deshalb ziemlich genau, wie ungeil Geiz sein kann: "Es gibt kaum etwas auf dieser Welt, das nicht irgend jemand ein wenig schlechter machen und etwas billiger verkaufen könnte", schreibt Ruskin. "Und die Menschen, die sich nur am Preis orientieren, werden die gerechte Beute solcher Machenschaften."
Ruskin ist vor 104 Jahren gestorben, deshalb kann man ihn nicht mehr fragen, ob auch Kreative zur gerechten Beute ihrer Machenschaften werden. Herr Jung und Herr von Matt sind in Sachen Sixt noch einmal davon gekommen. Aber vielleicht müsste man sie zur Strafe wenigstens mal Samstagabend zum Geiz-ist-geil-Club ins New Bambu nach Neustadt an der Ostsee schicken. Mit DJ Freddy Fresh und Billigsaufen bis um eins - damit sie mal sehen, was sie angerichtet haben.