Im Grunde kann Jürgen Thumann jetzt wieder abtreten. Drei Monate ist er Chef des Bundesverbands der Deutschen Industrie, drei Monate hat es gedauert, bis das in Erfüllung ging, was er erreichen wollte: dass die Steuern für Deutschlands Unternehmen noch einmal deutlich sinken. Die Sache ist so gut wie beschlossen. Und das unter einem rot-grünen Bundeskanzler.
Kein deutscher Regierungschef war je so eifrig bemüht, Kontakte zu möglichst vielen Bossen zu halten – und seine Wirtschaftspolitik nach deren Wünschen auszurichten. Wenn möglich. Das ist vor lauter Ärger fast außer Acht geraten. Das Problem ist nur, dass kaum ein Kanzler zugleich ökonomisch so erfolglos war. Und daran könnten auch die Bosse schuld sein. Vielleicht sind erfolgreiche Firmenchefs gar nicht die besten Ratgeber, wenn es darum geht, eine 2000-Milliarden-Euro-Ökonomie aus einer tiefen Krise zu holen.
Manager nicht immer gute Ratgeber
Der Kanzler ist stets bereit. Als die Wirtschaft Ende der 90er Jahre händeringend IT-Kräfte suchte, ließ er rasch Inder anwerben. Geraten Baukonzerne in Nöte, ist er hilfsbereit. Als Firmenchefs klagten, sie würden wegen der Ladenschlusszeiten weltweit belächelt, folgte auch da prompt die Antwort. Mehr noch: Kein Kanzler hat so viele Manager mit auf seine Reisen in Boomregionen genommen, um ihnen beim Geschäftemachen kräftig zu helfen.
Zum großen Arbeitsmarktreformer machte er Volkswagen-Personalvorstand Peter Hartz. Wirtschaftsminister war lange Zeit Werner Müller – ebenfalls ein Manager. Fast vergessen: Der Spitzensteuersatz fiel nicht unter Helmut Kohl oder Weltökonom Helmut Schmidt, sondern unter dem rot-grünen Kanzler um mehr als zehn Punkte; ähnlich die Körperschaftsteuer. Schröder erleichterte Firmen befristete Arbeitsverträge und den Rückgriff auf Leiharbeiter. Unter anderem.
Die große Frage ist, warum die Wirtschaft dennoch unter dem Kanzler der Bosse so lange stagnierte wie nie. Das lässt sich auch dadurch nicht auflösen, dass den Entlastungen die eine oder andere rot-grüne Absurdität entgegenstand: etwa steigende Ökosteuern – in einer Phase, in der sich die Ölpreise ohnehin schon verfünffacht haben. Per saldo sank die Steuerlast, und der deutsche Arbeitsmarkt zähle heute zu den flexibelsten in Europa, so die Investmentbanker von Goldman Sachs.
Nicht so richtig talentiert
Natürlich gäbe es Wünsche, die der Kanzler den Unternehmern noch erfüllen könnte. Zumindest ein Teil des Problems könnte aber darin liegen, dass die konsultierten Betriebswirte zwar (in der Regel) prima Geschäftsideen haben und, sagen wir, ihre Schleifmaschinen-Firma in Ostwestfalen ordentlich führen, zugleich aber nicht so richtig talentiert sind, wenn es gilt, den (gesamtwirtschaftlichen) Überblick zu wahren.
Beispiel New Economy: Damals schworen hochseriöse Firmenchefs und Banker, dass Gewinne und Aktienkurse ewig steigen können. Betriebswirtschaftliches Kurzzeitgedächtnis.
Wenn eifrige Manager wirtschaftspolitische Ratschläge geben, führt das leicht ins Desaster. Die Reformen des VW-Managers Hartz zielen vor allem darauf, Jobs schneller zu vermitteln und den Druck zur Arbeitsaufnahme zu erhöhen. Absurd.
Es kommt zwar vor, dass Firmen nicht schnell genug Leute finden. Aus gesamtwirtschaftlicher Sicht ist das im Deutschland 2005 aber völlig nebensächlich. Auf jede offene Stelle kommen derart viele Bewerber, dass selbst die beste Vermittlung und der größte Druck wenig helfen. Erst wenn die Wirtschaft wächst, zahlen sich solche Reformen aus, sagen Ökonomen.
Wie grotesk: Gebracht haben die Hartz-Reformen monatelang Unmut sowie neue Jobängste und das (statistische) Erreichen der Fünf-Millionen-Arbeitslosen-Grenze – nur neue Jobs werden auf absehbare Zeit nicht folgen. So etwas kriegt wohl nur ein Personalmanager hin, den man Politik spielen lässt.
Steuersenkungen als Allheilmittel
Was für Hartz gilt, gilt auch beim Ladenschluss. Schön, dass jetzt niemand im Ausland mehr über geschlossene deutsche Geschäfte am Samstagnachmittag spotten kann. Jobs: Fehlanzeige. Solange die Einkommen stagnieren, wird der Handel auch nachts um vier Uhr nicht mehr verkaufen können.
Selbst bei Thumanns großem Steuercoup drängt sich die Frage auf, ob ein paar Pünktchen Firmensteuern im Wettbewerb mit den viel bemühten Niedrigsteuer-Großökonomien Slowenien, Lettland oder Österreich unser drängendstes Problem sind. Bedenklich: Kein Analyst erwartet mehr Investitionen, weil jetzt die Körperschaftsteuer sinkt.
Was die Wirtschaft in jüngster Zeit weit stärker getroffen hat, ist mit hoher Wahrscheinlichkeit, dass sich deutsche Waren wegen der Aufwertung des Euro dramatisch verteuert haben, die Ölpreise in die Höhe schossen, die Realzinsen für deutsche Firmen höher als im Rest der Welt ausfallen und die Einkommen reformbedingt stagnieren – nur dass all das in den gängigen Diagnosen der gängigen Kanzlerberater kaum vorkommt: anders als in Großbritannien, den USA oder Frankreich, wo Wirtschaftsvertreter auch mal für niedrigere Zinsen oder bessere Wechselkurse kämpfen. Daran lasse sich ja nichts ändern, heißt es hier zu Lande.
Padauz. Mit so viel Kleinmut ist eine Volkswirtschaft nicht zu retten. Natürlich gibt es auch Ideen dafür, absurde Wechselkurstrends zu stoppen. Dafür müssten deutsche Verbandsfürsten nur aufhören, alle Probleme der Welt reflexartig mit sinkenden Steuern und Lohnnebenkosten lösen zu wollen.
Gerhard Schröder sollte sich darauf einstellen, dass auch seine jüngste Zusatzagenda so bald keine Jobs schafft – trotz aller seiner Aufrufe an seine Ratgeber. Nach fast sieben Jahren mit einem Kanzler der Bosse drängt sich der Verdacht auf, dass der Rat von noch so geschätzten Konzernchefs allein weder Aufschwung noch Jobwunder bringt.