Lucy Kellaway ist FT-Kolumnistin.
Vor Kurzem berichtete die Financial Times über südkoreanische Manager, die im Rahmen eines Seminars in einen Sarg steigen und sich tot stellen. Seit vielen Jahren befasse ich mich nun mit diesen Dingen, und oft bin ich dabei auf Seminare gestoßen, die so übel waren, dass sich die Manager nur wünschen konnten, tatsächlich tot zu sein. Doch Geschäftsleute im Namen der Weiterbildung vorgeben zu lassen, sie seien tot, ist wirklich neu.
Bereits 50.000 Manager haben diesen Kurs in Südkorea absolviert: Jeder musste ein Testament verfassen, es vorlesen, ein Totenhemd aus Hanf anlegen, in den Sarg steigen und den Deckel über sich zufallen lassen. Das Todesseminar erfreut sich so großer Beliebtheit, dass die Organisatoren es nun auch in anderen Ländern anbieten wollen.
Bei dieser ausländischen Freakshow fühlte ich mich an den Alltag zu Hause erinnert. Seit ich meinen Ehemann kenne, spielt er regelmäßig das "Stell dir deine eigene Beerdigung vor"-Szenario durch. Ihm gefällt die Vorstellung, wie ich, seine Witwe, mit unseren Kindern in der Kirche stehe. Er sinniert über die Lücke, die er hinterlässt, und seine Augen füllen sich mit Tränen. Dann summt er sein Lieblingslied "Box of Rain" von Grateful Dead (wie passend!), das bei seiner Beerdigung gespielt wird. Fehlen nur noch Sarg und Leichentuch.
Stift und Papier
Stephen Covey, Autor von "Die sieben Wege zur Effektivität", würde das gutheißen. In seinem Buch weist er den Leser an, sich selbst bei einer Beerdigung vorzustellen. Der Leser soll sich Blumen und die Gesichter vor Augen rufen. Dann muss er in den Sarg schauen und sehen, dass die Leiche darin seine eigene ist.
Ich persönlich klinke mich an dieser Stelle aus. Doch Covey drängt den Leser, noch weiter zu gehen: Er soll Stift und Papier zur Hand nehmen und mehrere Leichenreden über sich selbst verfassen, die dann von einem Familienmitglied, einem Freund oder einem Kollegen gehalten werden.
Zwar teilen Covey, mein Mann und südkoreanische Angestellte diese gruseligen Fantasien, jeder versucht aber, etwas anderes daraus zu gewinnen. In Südkorea geht es darum, Angestellte davon abzuhalten, scharenweise den Freitod zu wählen. Auf dem Gebiet Selbstmord - ein großes Problem in Südkorea - bin ich keine Fachfrau, wer sich aber das Leben nehmen will, muss wirklich deprimiert sein. Und es ist eher unwahrscheinlich, dass fünf Minuten in einer Holzkiste da Abhilfe schaffen können.