Verehrte Leser, bitte haben Sie Mitleid. Ein Todgeweihter schreibt zu Ihnen, so eine Art Kohlekumpel der Medienbranche - ein Zeitungsjournalist.
Ein Zeitungsjournalist ist nach zeitgenössischer Definition jemand, der für einen publizistischen Panda arbeitet, also eine aussterbende Spezies. Sagen alle. Die Nichtzeitungsjournalisten, die Mediaplaner (das sind die freundlichen Damen und Herren, die Werbeetats auf verschiedene Medien verteilen), die Amerika-Watcher, viele Zeitungsjournalisten. Und um das Elend komplett zu machen, hat nun auch noch unser Kulturstaatsminister eine Rettungsaktion für die Tageszeitung als solche gestartet. Denn die steht - sagen alle - kurz vor dem Brontosaurus-Stadium, vulgo: dem Exitus. Gekillt wird sie vom Internet, wie man am Auflagenverfall der Tageszeitungen in den USA beobachten kann. Ist nur eine Frage der Zeit, bis dies auch in Deutschland passiert.
Und nun sparen Sie, verehrte Leser, sich bitte Ihr Mitleid. Es ist nicht angebracht, aus mindestens drei Gründen. Denn erstens gilt grundsätzlich: Ein Produkt, das die Kunden nicht überzeugen kann, ist zu Recht todgeweiht. Das ist auch in Ordnung so, denn das ist Marktwirtschaft. Und irgendwann werden das auch Journalisten einmal kapieren.
Laptop auf dem Klo
Zweitens leiden wir im journalistischen Tagesgeschäft ein wenig unter kurzem Gedächtnis. Vor ziemlich genau einem Vierteljahrhundert nämlich hatten wir eine ähnliche Debatte wie heute: Die Tageszeitungen bibberten vor dem Privatfernsehen. Heute bibbert keiner mehr deswegen, beide leben gedeihlich und mitunter einander befruchtend nebeneinander her. Was zum Beispiel würde die "Bild"-Zeitung machen, gäbe es nicht diese hübschen Castingshows, deren Kandidaten sich so hübsch für den Boulevard ausschlachten lassen?
Drittens: Haben Sie schon einmal versucht, beim Latte macchiato auf einer sonnenbestrahlten Terrasse den Bildschirm Ihres Laptops zu entziffern? Haben Sie Ihren Laptop schon einmal mit aufs Klo genommen? Haben Sie beides schon einmal mit Ihrer Zeitung gemacht? Eben.
Lassen Sie sich, verehrte Leser, nicht von der Weinerlichkeit der Tageszeitungsjournalisten irritieren. Wir neigen ohnehin dazu, von jedem anderen Menschen Veränderungsbereitschaft in Zeiten der Globalisierung zu fordern, jaulen aber sofort auf, wenn wir selbst auch nur ein bisschen betroffen sind. Nehmen Sie uns also in dieser Hinsicht bitte nicht allzu ernst.
Die Tageszeitung hat ihre Vorteile. Wer informiert sein will, wer auch über seinen beruflichen Tellerrand hinausschauen will, der ist mit den täglichen Blättern gut bedient. Denn wer hat schon Zeit, jede Stunde auf Nachrichtenwebsites im Internet zu schauen? Wer das nur ein-, zweimal am Tag kann, hat indes nicht die Gewissheit, auch wirklich die wichtigsten News des Tages vorzufinden. Die Websites sind berauscht von der Aktualität, manche haben es sich sogar zur Pflicht gemacht, ihren Inhalt alle drei Stunden zu erneuern. Und am Abend stehen dort die jüngsten Nachrichten des Tages, nicht unbedingt die wichtigsten. Und das ist die Marktlücke der Tageszeitung: Sie bietet auf ein paar Seiten ein Kondensat der wichtigsten Ereignisse. Zumindest für diejenigen, die nicht die Zeit haben, den ganzen Tag über die Radio- und TV-Nachrichten zu verfolgen oder im Internet zu surfen.
Das allein reicht aber noch nicht, die Tageszeitung muss Mehrwert liefern. Und das vergessen ihre Macher mitunter. Einfach nur das zu bringen, was am Vorabend schon in der "Tagesschau" war, reicht schlichtweg nicht mehr. Als vergangenes Jahr Vizekanzler Franz Müntefering zurücktrat, brachten es manche Tageszeitungen fertig, am nächsten Tag mit der Schlagzeile "Müntefering tritt zurück" zu erscheinen. Das, so unterstellen wir mal, war zu diesem Zeitpunkt jedem bekannt. Wo also blieb der Mehrwert, die Zusatzinformation, das Hintergründige, das Einordnende, das neugierig Machende? Wer so schlagzeilt, sorgt selbst dafür, dass die Tageszeitung überflüssig wirkt.
Zugegeben, wir Zeitungsjournalisten machen es Ihnen, den Lesern, nicht immer ganz einfach. Wir verpacken unsere Unternehmensnachrichten mitunter so, dass sie vielleicht für Aufsichtsräte des betreffenden Unternehmens interessant sind, nicht aber für die durchschnittlich interessierten Leser. Wir reiben uns die Hände, weil unsere politischen Exklusivmeldungen einigen Leuten im politischen Berlin die Zornesader schwellen lässt, vergessen aber, diese Nachricht so einzuordnen, dass der durchschnittlich interessierte Leser erfährt, weshalb sie für ihn wichtig oder interessant ist.
Das tägliche Magazin
Ein Beispiel: Ein recht bekannter politischer Journalist einer noch bekannteren überregionalen Zeitung wurde einmal gefragt, welche Leser wohl seine 250-Zeilen-Berichte über SPD-Präsidiumssitzungen interessieren könnten. Seine Antwort: Er schreibe doch nicht für die Leser. Seitdem lese ich diese Zeitung nicht mehr; sie hat mir ja klar zu verstehen gegeben, dass ich für sie unwichtig bin.
Wir Tageszeitungsjournalisten müssen uns gerade in Zeiten des Internets auf ein paar Essentials besinnen. Wir können nicht so tun, als agierten wir im luftleeren Raum, losgelöst von Radio, Fernsehen, Online. Wir müssen die Grundnachrichten anreichern mit Hintergründen, Zusatzinformationen, Analysen. Und wir müssen das Ganze interessant, leicht verständlich, auch unterhaltsam verpacken, angereichert mit Überschriften, die zum Lesen eines Artikels reizen.
Kurzum: Eine Tageszeitung, die mit den elektronischen Medien konkurrieren will, muss eine Art tägliches Magazin sein.
Ein deutsches Magazin hat einmal definiert, wie seine Artikel sein sollen. Sie sollen Vorgänge in einer Art servieren, die normale Laienleser sofort fesselt. Ein Bericht, den man zweimal lesen muss, um ihn zu verstehen, ist kein Bericht. So steht es nahezu wörtlich im Statut des Magazins "Der Spiegel". Diese Definition stammt aus dem Jahr 1949 und hat bis heute Gültigkeit, nicht nur für den "Spiegel", sondern auch für Tageszeitungen. Wenn wir Tageszeitungsjournalisten es nicht schaffen, unser Produkt entsprechend zu gestalten, dann, verehrte Leser, haben Sie kein Mitleid mit uns. Wenn wir es aber schaffen, dann schauen Sie wieder rein. Es lohnt sich.
Andreas Theyssen leitet das Politikressort der FTD. Er schreibt jeden zweiten Montag an dieser Stelle.