Es kann gut sein, dass Kanzlerin und Kanzlerkandidat mir demnächst ihre Aufmerksamkeit widmen werden. Ich arbeite in einer Branche, der es derzeit nicht so gut läuft. Umsatzflaute, Erlöseinbrüche und so weiter - wir Zeitungsjournalisten werden von der Krise eben auch nicht verschont. Und wenn sie noch länger andauert oder die Konjunkturkurve nicht V-, sondern nur L-förmig verläuft, dann kann es sein, dass auch wir den Weg des ökonomisch Unterirdischen gehen.
Damit kommen Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier ins Spiel. Wenn man sich ihr Agieren in Sachen Opel oder Arcandor anschaut, ist zu befürchten, dass sie sich bemüßigt fühlen könnten, auch mir zu helfen. Lasst es bitte!
Systemisch gesehen sind einzelne Tageszeitungen so irrelevant wie Opel. Kein Mensch braucht Opel, man kann schließlich auch Autos von Dacia oder Lada fahren. Kein Mensch braucht die bunten Produkte, die wir regelmäßig produzieren. Man kann sein Wissen über die Hintergründe und Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise selbstverständlich auch aus dem "Hückeswagener Kreisboten" beziehen. Auch arbeiten in den Redaktionen der überregionalen Presse in Deutschland deutlich weniger Menschen als an den Montagebändern von Opel oder den Verkaufstresen von Karstadt. Und dennoch könnten sich Merkel und Steinmeier veranlasst sehen, uns mit Staatsgeld helfen zu wollen.
Krisengebiet Fußgängerzone
Meine Kollegen und ich sind in diesen Zeiten geradezu beneidenswerte Krisenopfer. Es ist Wahlkampf, und Politiker müssen ihre Botschaften unters Volk bringen. Da kann ein Wählerstimmenbuhler nicht einfach wegschauen, wenn Zeitungen mit vielen Wählern, äh, Lesern vom Markt verschwinden.
Sowohl die CDU-Chefin als auch der SPD-Frontrunner könnten den Drang verspüren, uns zu helfen, weil wir so schön überparteilich berichten. So schreiben wir etwa monatelang recht überschwänglich und lobend über Jens Weidmann, den obersten Wirtschaftsberater und Krisenmanager der Kanzlerin, um ihn dann völlig überraschend als ahnungslosen Ökonomen in die Tonne zu treten. Das nennt man ausgewogen. Oder so. Außerdem gelten Journalisten landläufig als links, Wirtschaftsjournalisten hingegen als rechts - da kann weder den Schwarzen noch den Roten egal sein, was mit uns passiert.
Jedenfalls sind meine Kollegen und ich bis zum 27. September (nicht Wüstenrot-, sondern Wahltag) nahezu unverzichtbar, wenn Frau Merkel oder Herr Steinmeier dem wählenden Teil der Republik verklickern wollen, dass sie die/der Beste sind, um Deutschland aus der Wirtschaftskrise zu führen. Und das verleitet nachgerade dazu, in den Deutschlandfonds zu greifen oder in einen anderen Steuergeldtopf für die Armen und Schwachen.
Ich kann mir schon vorstellen, welche gewundenen Argumente aufgefahren werden, um die Hilfe aus der Staatskasse für uns zu rechtfertigen. Die Pressefreiheit! Die Meinungsvielfalt! Der Medienstandort! Der Qualitätsjournalismus! Das alles werden sie in Gefahr sehen, die Sozialdemokraten, die gefühlten Sozialdemokraten in den anderen Parteien und natürlich die Landesväter.
Und dann ist da noch Frank-Walter Steinmeier, der erste Außenminister, der sich um deutsche Fußgängerzonen sorgt, weil die seiner Ansicht nach zum Krisengebiet werden, wenn es dort keine Karstadt-Häuser mehr gibt. Er wird bestimmt beklagen, dass deutschen Kiosken eine nicht hinnehmbare Ödnis drohe, falls unsere doch recht bunten Printprodukte dort nicht mehr ausliegen sollten.
In der Sache würde ich ihm selbstverständlich recht geben, aber warum die Vielfarbigkeit deutscher Zeitungsstände mit Steuergeldern subventionieren? Ist es den Nichtlesern oder Kollegen von Konkurrenzkonzernen zumutbar, dass sie für andere finanziell bluten? Wohl kaum. Ich will auch nicht für andere zahlen müssen, wenn die ihr Geschäft nicht in den Griff bekommen.
Bitte kein Schrecken ohne Ende
Wenn einzelne Zeitungen oder Zeitschriften verschwinden sollten, dann ist das allein ihre Angelegenheit. Weil sie es selber vermasselt haben in der Vergangenheit, weil sie es nicht fertiggebracht haben, sich rasch genug auf die neuen Gegebenheiten einzustellen, oder weil sich ihr Geschäftsmodell schlichtweg überlebt hat. Das gilt für unsere Branche genauso wie für Karstadt oder Infineon oder Porsche. Warum sollen die Steuerzahler darunter leiden?
Auch aus psychologischen Gründen möchte ich nicht, dass der Staat einspringt. Falls sich das Geschäftsmodell der gedruckten Tageszeitung überlebt hat, dann will ich nicht, dass die Bundesregierung unser Sterben künstlich verlängert. Ich würde nur wieder Hoffnung schöpfen, um dann nach einiger Zeit wieder in der gleichen Situation zu stecken wie heute. Jeder frühere Holzmann-Mitarbeiter sollte Gerhard Schröder wegen seelischer Grausamkeit verklagen. Der hatte den Baukonzern erst "gerettet", zwei Jahre später fuhr das Unternehmen gegen die Wand. Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende.
Sollten wir an die Wand fahren, dürfte ich mich sofort bei der Arbeitsagentur melden. Dieses Nummernziehen ist wahrlich nicht schön, aber ist es eine Katastrophe? Mit dem Geld aus der bereits bezahlten Arbeitslosenversicherung könnte ich mir entweder einen neuen Job suchen oder aber mir als Selbstständiger eine neue Existenz aufbauen. Unter dem Strich käme mich das wahrscheinlich sogar billiger, als wenn mit Steuergeldern mein Job und Hunderttausende andere "gerettet" würden. Denn dafür werden wir Steuerzahler verdammt lange zahlen müssen. Vor allem dann, wenn sich Merkel, Steinmeier und Konsorten generell so über den Tisch ziehen lassen wie vom "Investor" Magna im Fall Opel.
Also, Frau Merkel und Herr Steinmeier, überlassen Sie mich bitte meinem Schicksal. Ich möchte Ihre Hilfe nicht. Sie ist mir einfach viel zu teuer.
Andreas Theyssen leitet das Politikressort der FTD. Er schreibt jeden zweiten Montag an dieser Stelle.