Es ist wirklich kaum noch auszuhalten. Jeden Tag die gleichen schlechten Nachrichten: wackelnde Banken, riesige Rettungspakete, Umsatzeinbrüche, Insolvenzen, BIP-Downgrading, Arbeitslosenzahlen. Und jede schlechte Nachricht lässt sich noch ein wenig in puncto Schlechtigkeit steigern. Und so soll es weitergehen, bis zur Jahresmitte, bis Jahresende, bis ins nächste Jahr hinein.
Es ist wirklich nicht mehr auszuhalten. Diese typisch deutsche Lust an der Prophetie des Untergangs! Diese typisch teutonische Neigung, das Glas immer nur halb leer zu sehen, obwohl es doch noch halb voll ist! Dem muss Einhalt geboten werden! Und deshalb öffnen wir heute und hier Ihnen die Augen für die schönen Seiten der Weltwirtschaftskrise. Sie haben es nicht anders verdient.
Freude. Erinnern wir uns an den Sommer. Da brachte uns jeder Tankstellenstopp den Grünen näher. 5 DM pro Liter hatten die einmal gefordert, und umgerechnet in Euro war der Spritpreis auf dem besten Weg dahin - ganz ohne irgendwelche politischen Incentives. Die Gelben in Fernost mit ihrem Wirtschaftsboom hatten erreicht, was die Grünen daheim so lange gefordert hatten. Und jedes Mal, wenn wir an die Zapfsäule rollten, stellten wir uns die Grundsatzfrage: Tanken wir noch einmal voll, oder verschrotten wir unsere 15-Liter-Schüssel gleich? Das war nicht schön.
Vorbei, alles vorbei! Heute ist jeder Tankstopp eine wahre Wonne. An manchen Stationen ist der Spritpreis sogar schon unter die 1-Euro-Marke gerutscht. Gut 50 Cent pro Liter sparen wir im Vergleich zum Sommer. Und allein schon auszurechnen, wie viel wir bei einer Tankfüllung sparen, macht so viel Freude, dass wir locker für anderthalb Stunden die Rezession vergessen.
Spannung. Nie war es spannender, die "Tagesschau" zu gucken oder Zeitung zu lesen (so viel Werbung in eigener Sache muss erlaubt sein). Nein, wir meinen nicht wegen Angela Merkels Geeiere in Sachen Konjunkturpaket II. Wir meinen das Branchendomino. Erst erwischte es Banken, dann Autobauer, Zulieferer, Chemie, Spediteure, Reeder. Es ist wie im Lied von den zehn kleinen Negerlein. Und die große Frage bei der täglichen Zeitungslektüre lautet: Wann ist die Branche dran, in der wir selbst arbeiten? Das ist ein echter Thrill.
Hilfe. Es ist immer schwer, gutes Personal zu finden, seien es Putzfrauen, Babysitter oder Gärtner. Jetzt gibt es genügend gutes Personal: arbeitslose Autobauer, die uns den Wagen in Schuss halten, beschäftigungslose Investmentbanker, die sich um unseren Nachwuchs kümmern, freigestellte Fernfahrer, die unsere Hemden plätten. Vor allem aber können wir viel von ihnen lernen - nämlich wie man sich über Wasser hält, wenn auch wir demnächst unseren Job verlieren. Ach ja, und die babysittenden Investmentbanker können wir ja mal fragen, ob es sich schon wieder lohnt, an der Börse einzusteigen.
Krisengewinn. Kennen Sie London? Ist eine tolle Stadt. Bislang hatte sie nur einen Haken. Sie war dermaßen teuer, dass für deutsche Normalverdiener die Hotelzimmer für einen Wochenendtrip kaum erschwinglich waren. Diese Zeiten sind vorbei! Das britische Pfund ist dank der Wirtschaftskrise so tief eingebrochen, dass es heute 1:1 zum Euro steht. Da kann man sich auch als Euro-Päer glatt ein schaumfreies, schlecht temperiertes Ale in einem Pub in der Londoner City leisten. Also, nichts wie hin!
Und zum Shopping fliegt man in diesen Tagen nicht mehr nach New York, sondern nach Reykjavik. Designklassiker für Küche und Wohnzimmer, Edelklamotten, gebrauchte Luxusschlitten - im Land des Staatsbankrotts ist das jetzt alles viel günstiger zu haben als bei uns. Voraussetzung ist natürlich, dass Sie Ihr Erspartes nicht bei Kaupthing angelegt haben.
Schadenfreude. Was haben uns die Chinesen in den letzten Jahren genervt. Haben die Märkte so ratzeputz leer gekauft, dass Sprit-, Stahl- und Lebensmittelpreise nur so nach oben schossen. Haben uns mit zweistelligen Wachstumsraten gequält, während wir schon bei einem BIP-Plus von kargen zwei Prozent jubeln mussten. Und unsere Produkte haben sie abgekupfert bis zum Gehtnichtmehr.
Auch dies trägt nun das Etikett "Es war einmal". Das Reich der Mitte rutscht ebenfalls in die Krise, stürzt sogar - für seine Verhältnisse - in die Rezession. Das Politbüro muss Gigamilliarden-Konjunkturprogramme auflegen. Und mit Vergnügen sehen wir: Auch Chinesen sind keine ökonomischen Superhelden.
Erkenntnisgewinn. Was sind sie uns auf den Keks gegangen. Wann immer ein volltrunkener jugendlicher Volltrottel in Deutschland einen jüdischen Grabstein beschmiert hatte, sahen jüdische Verbände in den USA die Bundesrepublik in die Hitlerei zurückfallen. Dabei fanden wir immer viel besorgniserregender, dass die organisierten Neonazis in einen Landtag nach dem anderen einzogen.
Nun reden sie sich jenseits des großen Teiches die Köpfe heiß, ob nicht einer der ihren den Antisemitismus angeheizt habe: der Ex-Nasdaq-Chef und Vermögensverwalter Bernard Madoff, der 50 Mrd. $ veruntreut hat. Durch seine Tat, so meinen einige, habe er das unter Dumpfbacken gängige Klischee vom gierigen jüdischen Bankier massiv gefördert. Und vielleicht endet diese Debatte in den USA ja mit der Erkenntnis, dass Gut und Böse nicht automatisch mit Herkunft und Religionszugehörigkeit korrelieren.
Allerdings, liebe Freunde des Um-, Auf- und Gegenrechnens in Deutschland: Auch Madoffs 50 Mrd. $ reichen bei Weitem nicht an jene sechs Millionen Toten heran, die wir auf dem Konto haben. In unserem Fall ist das Gefühl der Schadenfreude fehl am Platze.
Was? Sie sind trotz all dieser hübschen Beispiele immer noch nicht davon überzeugt, dass die Rezession auch ihre guten und schönen Seiten hat? Dann ist Ihnen wirklich nicht zu helfen, Sie Miesepeter. Oder aber, diese Krise ist wirklich schlimm.
Andreas Theyssen leitet das Politikressort der FTD. Er schreibt jeden zweiten Montag an dieser Stelle.