Vor anderthalb Jahren wollte der russische Telekomkonzern Sistema bei der Deutschen Telekom einsteigen. Ach Gottchen, was waren sie naiv, diese Russen. Denn das ging natürlich nicht und rief sogar die Bundesregierung auf den Plan. Die Russen im hochsensiblen deutschen Fernmeldebereich - da hätte man ja gleich den KGB-Nachfolger FSB an die Klappenschränke lassen können, hieß es in Berlin. Sistema kam nicht zum Zug.
Heute wissen wir, dass wir für derlei Schnüffeleien gar nicht die Russen brauchen. Das kann auch die Telekom selbst, wie die sehr professionelle Bespitzelung von Aufsichtsratsmitgliedern, Gewerkschaftern und Journalisten durch den Bonner Konzern zeigt.
Dass die Telekom technisch so etwas kann, ist wenig überraschend. Frappierend ist, dass sie so etwas - offenbar vorbei an Recht und Gesetz, wie die Staatsanwaltschaft argwöhnt - auch gemacht hat. Und noch verblüffender ist, dass dies alles offenbar auf Anregung der Konzernführung geschah.
Nun gibt es derzeit keinerlei Anlass zu der Vermutung, dass ein damaliger Vorstand, Vorstandschef oder Aufsichtsratschef gesagt hat: Beschattet mir mal den Journalisten A oder den Gewerkschafter B. Bemerkenswert ist aber, dass auf den tieferen Konzernebenen niemand ein allzu großes Problem damit hatte, mit überaus krimineller Energie Leuten nachzustellen - und dass ganz oben offenbar niemand wissen wollte, wie denn die Rechercheergebnisse zustande gekommen sind.
Es läuft etwas schief in den Chefetagen
Wir haben ein Leck, aus dem Interna nach draußen fließen, stopfen Sie es - mehr dürften der Aufsichtsrats- oder Vorstandschef nicht gesagt haben. Aber offenbar hat die Telekom-Spitze zumindest in der Ära Klaus Zumwinkel/Kai-Uwe Ricke für solch ein Konzernklima gesorgt, dass den Untergebenen klar war: Das Problem muss um jeden Preis gelöst werden, mit allen Mitteln, zur Not sogar mit illegalen. Die Konzernchefs mussten sich die Finger nicht selbst schmutzig machen, mussten keine Details kennen, dafür hatten sie ihre Leute. Leute, die von ihnen abhängig waren. Und der Fall Telekom hat dafür gesorgt, dass im Moment Whistleblower bei Medien hausieren gehen mit der Botschaft: Das ist nur die Spitze des Eisbergs; viele deutsche Konzerne spionieren ihren Kritikern in ähnlicher Weise nach.