Hereinspaziert, meine Damen und Herren, herrrreinspaziert! Kommen Sie zu uns. Denn was Sie hier sehen können, haben Sie noch nirgendwo sonst gesehen. Einen akrobatischen Akt - einzigartig wie das Bankenrettungspaket, gefährlich wie ein Derivateinvestment, unkalkulierbar wie der Dax. Kommen Sie zu uns in den Zirkus Hessen!
Nur bei uns können Sie die Drahtseiltänzerin
Andrea Ypsilanti bewundern, die wagt, was noch nie zuvor jemand gewagt hat - den eingesprungenen dreifachen Salto mortale. Alles ohne Netz und doppelten Boden!
Houdini? Siegfried und Roy? Der Chinesische Staatszirkus? Vergessen Sie's! Andrea Ypsilanti ist eine Akrobatin, die alles bisher Dagewesene in den Schatten stellt. Das müssen Sie gesehen haben! Kommen Sie in den Zirkus Hessen! Kinder haben freien Eintritt, Erwachsene sowieso. Herrrreinspaziert!
Erlauben Sie uns, Ihnen die einzigartige Vorstellung unserer tollkühnen Akrobatin Andrea zu erläutern. Ohne eigene Mehrheit will sie sich nach ganz oben schwingen, verlässt sich voll und ganz auf die Helfer von der Linken. Doch wer sind diese Helfer? Keiner kennt sie, auch unsere Andrea nicht. Unberechenbar sind sie. In der Opposition hauen die Linken auf die Pauke, was die Maulwerke von
Oskar Lafontaine und Gregor Gysi nur hergeben. Doch in Regierungsverantwortung sind sie zahm wie weiland die FDP in Helmut Kohls Kabinett.
Stützen oder fallen lassen
In Mecklenburg-Vorpommern haben die Linken, damals noch PDS genannt, jahrelang mitregiert, ohne dass an der Ostsee der Sozialismus ausbrach. Im Land Berlin dürfen sie schon die zweite Legislaturperiode mitmachen. Der große Magier Klaus Wowereit hätte auch mit den Grünen regieren können, doch er gab den Linken den Vorzug - weil sie weitaus bequemer sind. Denn ganz gleich, was sie in Wahlkämpfen den Armen und Entrechteten versprechen, in Berlin segnen sie einen brachialen Sparkurs ab. Wenn Sozialkürzungen anstehen, sind die Postsozialisten voll dabei.
Was für Helfer von der Linkspartei hat also unsere Akrobatin Andrea? Niemand weiß es, auch sie selbst nicht. Im Zirkus Hessen sind die Linken in der Opposition, sollen gleichzeitig aber auch Andreas Drahtseilakt stützen. Werden sie Ypsilanti, die Tollkühne, stützen, werden sie sie fallen lassen? Das müssen Sie sich anschauen! Das ist spannender als der Zusammenbruch von Lehman Brothers!
Dann der zweite Salto mortale. "Bildung, Umwelt und Soziales" werden die Schwerpunktthemen des Ypsilanti'schen Seiltanzes sein. Das macht Sinn. Die Frankfurter Banker müssen sich fortbilden, damit sie wieder das Einmaleins ihrer Branche verstehen - dass es einfach ein nahezu unmögliches Kunststück ist, Profit aus einem Paket zu schlagen, das aus vielen faulen Krediten zusammengeschnürt wurde. Und Soziales ist im Zirkus Hessen auch ein ganz wichtiges Thema. Schließlich muss verhindert werden, dass die demnächst vielen arbeitslosen Banker nicht auf den Parkbänken der Frankfurter City herumlungern. Das verschandelt nämlich auch die Umwelt.
Richtig wagemutig ist es aber, in Zeiten der Rezession mit dem Wirtschaftsministerium herumzuspielen. Und genau das macht Andrea, die Tollkühne. Der Laden wird zerlegt, Energiepolitik hierhin, Verkehr dorthin, und was vom Wirtschaftsministerium übrig geblieben ist, das darf ihr Vertrauter Hermann Scheer verwalten. Und das ist wahrhaft gewagt. Denn der Bundestagsabgeordnete Scheer ist nicht irgendwer, er ist "der Solarpapst", seit er den Alternativen Nobelpreis bekommen hat für sein Engagement in Sachen erneuerbare Energien. Ohne Frage: Solarzellen kann er, aber kann er auch mit den anderen Zellen der hessischen Ökonomie?
Mit dem Mittelstand, mit der energiebedürftigen Großindustrie, mit der schwer leidenden Finanzbranche? Und vor allem: Kann
Hermann Scheer es verknusen, dass sich nun ein anderer, nämlich der Grüne Tarek Al-Wazir, um sein Lieblings- und einziges Thema Energie kümmern wird? Zweifel sind angebracht. Denn in der SPD-Bundestagsfraktion gilt Scheer als "loose cannon", als einer, der von sich und seiner Mission unendlich überzeugt ist und sich partout nichts sagen lässt. Der Dauerkoalitionskrach ist also programmiert. Sie sehen, meine Damen und Herren, so viel Spannung war nie im Zirkus Hessen!
Spiel mit der entscheidenden Stimme
Aber wir sind noch steigerungsfähig. Hoch oben auf dem Seil lässt Akrobatin Andrea wahrlich keine Chance aus zu stolpern. Dem Frankfurter Flughafen, einer Geld- und Jobmaschine, will sie mitten in der Rezession an die Substanz. Der Bau einer dritten Start- und Landebahn soll zumindest verzögert, ein Nachtflugverbot erreicht werden. Wenn das gelingt, ist Frankfurt Airport als internationales Luftverkehrsdrehkreuz erledigt. Und jeder versteht nun, weshalb "Soziales" einer der Schwerpunkte des Ypsilanti-Kunststücks sein wird.
Und nun, meine Damen und Herren, zum Höhepunkt! Denn dieser Salto mortale ist so spannend wie die Bilanz der BayernLB, so gewagt, dass er alle anderen Kunststücke hinfällig machen kann.
Jeder Politiker hat Gegner in der eigenen Partei. Wenn er etwas erreichen will, dann muss er diese Parteifeinde ruhigstellen. Joschka Fischer, der Buddha der Grünen, hat dies beispielsweise 1998 gemacht, als er seinen parteiinternen Gegenspieler Ludger Volmer zum Staatsminister im Auswärtigen Amt machte - und damit zu seinem Untergebenen.
Doch unsere Drahtseiltänzerin Andrea ignoriert sogar diese politische Binsenweisheit. Statt ihren partei- und fraktionsinternen Kontrahenten Jürgen Walter ins Kabinett einzubinden, lässt sie es zu, dass er sich schmollend auf die Hinterbank des Wiesbadener Landtags zurückzieht. Die Filetierung des Wirtschaftsministeriums, das er leiten wollte, hat ihn abgrundtief verärgert. Und so riskiert Akrobatin Andrea tollkühn, dass ihr bei der Ministerpräsidentinnenwahl die entscheidende Stimme fehlt.
Das ist Wagemut! Das gibt es wirklich nur im Zirkus Hessen! Herrrrreinspaziert!
Andreas Theyssen leitet das Politikressort der FTD. Er schreibt jeden zweiten Montag an dieser Stelle.