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Merken   Drucken   09.05.2005, 17:33 Schriftgröße: AAA

Kolumne: Beitrag zur Heuschrecken-Analyse  

Der Einfall der Schwärme zeigt, dass die traditionellen Finanzierungsformen nicht funktionieren. von Lucas Zeise
Was für Politiker zum Tagesgeschäft gehört, ist Journalisten peinlich: die immer gleiche Wiederholung derselben Erkenntnisse. Nur weiß ich mir nicht anders zu helfen, als mit einer peinlichen Selbstverständlichkeit zu beginnen, die da lautet: Franz Müntefering meint es mit seiner Kapitalismuskritik nicht ernst. Es ist eine Show-Veranstaltung zur Mobilisierung ehemaliger oder noch existierender sozialdemokratischer Wähler. Niemals und nimmer wird aus seinen kritischen Anmerkungen ein Stück Regierungspolitik werden.
Treffend hieß es schon zu Beginn der Debatte vor drei Wochen in einer Überschrift der FTD: "SPD genießt Kritik an Kapitalismuskritik". Genießen war dabei ein noch zu schwaches Verb. Müntefering und seine Sozialdemokraten brauchten Kritiker. Nur wenn jemand ihre Kapitalistenschelte ernst nahm, konnten sie hoffen, mit dem Thema im Publikum Fans zu gewinnen.
Das war zugleich das Problem ihrer politischen Gegner. Angela Merkel, CDU, und Jürgen Thumann, BDI, ahnten, dass ihnen in dem Clownstück die Rolle des dummen August zufiele, wenn sie das Geschwafel ernst nehmen und inhaltlich dagegen Stellung beziehen würden. Sie wussten: Je heftiger sie gegen Münteferings Gesäusel vom Leder ziehen würden, desto mehr Erfolg würde dieser haben. Ein schier unauflösliches Dilemma.
Erfolgreicher Antisemitismusvorwurf
Das wirksame rhetorische Mittel gegen Müntefering hat der Historiker Michael Wolffsohn gefunden. Er rückte das Bild der Heuschrecken für die Private-Equity-Investoren und überhaupt Mensch-Tier-Vergleiche in Nazi-Nähe. Feinsinnig insinuierte er, die Kritik am Kapitalismus sei antisemitisch motiviert. Schließlich seien viele Teilhaber großer Private-Equity-Firmen jüdischen Glaubens.
Obwohl so gut wie niemand diese Argumentation für seriös hält, wohl nicht einmal Wolffsohn selbst, war sie der entscheidende Trick, um die Diskussion merklich zu dämpfen. Es machte Sozialdemokraten fortan keinen Spaß mehr, den Heuschrecken-Vergleich zu zitieren und munter kritische Sprüche gegen irgendwelche Kapitalisten abzusondern.
Das ist schade, denn nicht nur der aktuelle Kapitalismus in Deutschland (und anderswo) ist einer kritischen Betrachtung wert. Vor allem die relativ junge Branche der Private-Equity-Fonds, der Heuschrecken also, verdient es, eigens gewürdigt zu werden.
Verblüffend ist ja ihr massiertes Auftreten gerade in Deutschland. Just wenn die Stimmung im Lande auf einem Tiefpunkt angekommen ist, just da das Wachstum des inneren Marktes zum Erliegen zu kommen scheint, kommen täglich Meldungen, dass dieser Fonds einen Pool von Immobilien erworben hat oder jener sich ein Unternehmen greift oder ein dritter aufgelegt wird mit dem spezifischen Ziel, in Deutschland zu kaufen. Man muss daraus schlussfolgern: Die traditionellen Finanzierungsformen sind in Deutschland zusammengebrochen. Jedenfalls funktionieren sie so schlecht, dass massenhaft Neueinsteiger hereinstoßen. Die Börse versagt als Kapitalgeber. Also werden Unternehmen an Private-Equity-Fonds verhökert. Immobilien werden nicht von Nutzern oder professionellen Immobilienunternehmen gekauft, von Banken beliehen und so finanziert. Nein, es tritt die Private-Equity-Firma dazwischen. Wenn sie die Immobilie erwirbt, erhält sie locker von der Bank erheblichen Kredit zu keinen schlechten Konditionen.
Getrieben vom Anlagenotstand
Warum aber tauchen die Unternehmenshändler- oder Heuschrecken-Fonds derzeit so massiert auf? Es ist der schiere Anlagenotstand, der relative Überfluss an Rendite suchendem Kapital. Der Kapitalüberfluss macht Aktien teuer, er führt dazu, dass die Gewinnmöglichkeiten der Anleger an den Börsen geringer werden und dass ganz allgemein die Renditen, die Zinsen auf das eingesetzte Kapital schrumpfen. Private-Equity-Fonds sind genau wie Hedge-Fonds systematisch betriebene Versuche, durch außergewöhnliche Methoden mehr Rendite zu erzielen.
Der wichtigste Trick, um die Rendite zu steigern, besteht darin, das Unternehmen zu einem möglichst hohen Anteil mit geborgtem Geld zu kaufen. Die Banken geben gern Kredit, Zinsen und Tilgung werden aus dem gekauften Unternehmen abgezweigt. Wenn nach ein paar Jahren das Unternehmen mit Gewinn verkauft wird, fließt dieser Gewinn komplett der Private-Equity-Firma zu. Mit der hohen Verschuldung vervielfachen die Fondsmanager den Aktionsspielraum ihres Kapitals sowie die Rendite auf dieses Kapital.
Sie können es wegen der eigenen Schuldenbürde nicht zulassen, dass sich das Unternehmen - etwa zur Finanzierung von Investitionen - selbst verschuldet. Im Gegenteil, sie müssen darauf dringen, dass radikal die Kosten gesenkt werden. Alles, was an Bargeld hereinkommt, muss sofort zur Bedienung der Schulden abgezweigt werden. Das Unternehmen wird so häufig auf das absolute Minimum reduziert. Es bleibt ein Gerippe zurück, wie abgenagt von Heuschreckenschwärmen.
Private-Equity-Firmen sind weniger eine typische Erscheinung des Kapitalismus als ein Krisensymptom. Dazu passt, dass sie wegen der aktuellen Wachstums- und Finanzierungsschwäche hier zu Lande besonders massiert auftreten. Sie sind aber nicht nur Symptom, sie verstärken noch die Tendenz zu Investitions- und Wachstumsschwäche.
Lucas Zeise ist Finanzkolumnist der FTD. Er schreibt jeden Dienstag an dieser Stelle in der Zeitung.
  • Aus der FTD vom 10.05.2005
    © 2005 Financial Times Deutschland,
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