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Merken   Drucken   09.12.2007, 18:56 Schriftgröße: AAA

Kolumne: Christian Schütte: Die Ablenker

Der Iran hat seine Atombombenpläne 2003 auf Eis gelegt. Mit dieser kleinen Erkenntnis haben Amerikas Top-Spione große Politik gemacht. Das kann sich bitter rächen.
von Christian Schütte

Im Nuklearstreit mit dem Iran geht es im Kern um drei Fragen: Strebt die Islamische Republik nach der eigenen Atombombe? Wäre eine solche Bewaffnung tolerierbar? Was kann getan werden, um sie zu verhindern?

Auch nach der berechtigten Aufregung um den jüngsten US-Geheimdienstbericht zu den nuklearen Absichten und Fähigkeiten des Iran dürfen diese Schlüsselfragen nicht aus den Augen geraten. Denn das Detail, mit dem der "National Intelligence Estimate" (NIE) vergangene Woche Schlagzeilen gemacht, ja die Koordinaten der Iran-Diplomatie verschoben hat, ist bei aller Brisanz - eben nur ein Detail.

Der Iran, so die spektakuläre Aussage im Kollektivbericht aller US-Geheimdienstler, habe mit "hoher" Wahrscheinlichkeit sein Atomwaffenprogramm 2003 gestoppt. Für "moderat zuverlässig" halten die Spione zudem ihr Urteil, dass dieses Waffenprogramm seither nicht wieder in Betrieb genommen worden ist.

Faktische Nichtangriffsgarantie

Geschenkt, dass dieselben Dienste noch vor zwei Jahren, im NIE 2005, vor eben jenem Programm gewarnt haben, das es nach ihrer jüngsten Erkenntnis damals schon gar nicht mehr gab. Die Nachricht, dass Teheran im Moment nicht kurz davor steht, nach der Bombe zu greifen, verändert die weltpolitischen Aussichten für die nächste Zeit ohne Zweifel grundlegend.

Auch für die schärfsten Falken in Washington gibt es nun keine Rechtfertigung mehr, noch auf die Schnelle iranische Atomanlagen anzugreifen. Das dramatische Weltenretterszenario, in dem den Mullahs in der letzten Sekunde eine apokalyptische Waffe aus der Hand geschlagen werden muss, ist abgesagt.

De facto hat der Iran von den USA damit nicht weniger als die lange geforderte Nichtangriffsgarantie erhalten: Denn einen Präventivschlag kann die Regierung Bush auf der Basis dieser neuen Geheimdienstanalyse niemals vor ihren Wählern und Soldaten rechtfertigen.

Für all jene, die schon immer wussten, dass die eigentliche Gefahr nur bei den kriegslüsternen Paranoikern in Amerika liegt, ist das Thema damit glücklich erledigt. Mahmud Ahmadinedschad, der iranische Präsident, der sich immer wieder zur Auslöschung Israels bekennt, nannte den NIE-Bericht entsprechend hocherfreut einen "Schuss in den Kopf aller Böswilligen".

Dass ausgerechnet die verhassten und verlachten US-Geheimdienste jetzt als Kronzeugen dieser Sicht zitiert werden, darf unter Ironie der Weltgeschichte gebucht werden.

Kehrt man zu den Schlüsselfragen zurück, wird die Sache aber eher noch gefährlicher. Und dann wirkt auch der NIE-Report ziemlich schwachbrüstig, um nicht zu sagen: dubios.

Strebt der Iran eine eigene Atomwaffe an? Sprich: Hat er die Absicht, die im Zuge des zivilen Atomprogramms erworbenen Fähigkeiten irgendwann zu nutzen, um den - dann nur noch winzigen - Schritt zur Bombe zu tun?

Teil 2: Iran lässt sich nicht in die Karten schauen

  • Aus der FTD vom 10.12.2007
    © 2007 Financial Times Deutschland
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