Und schon wieder ein neuer Rekord: Vorübergehend mehr als 147 $ kostete Ende der vergangenen Woche das Barrel Rohöl zur Lieferung im August.
Iranische Raketentests hatten diesmal die Händler nervös gemacht. Bis die Marke von 150 $ geknackt wird, scheint es jetzt nur noch eine Frage der Zeit zu sein. Auch von 160, 170, 200 $ ist bereits die Rede. Ein rasant steigender Ölpreis wird zum neuen Naturgesetz der Weltwirtschaft.
So weit zumindest die gängige Theorie.
Aus ökonomischer Sicht ist allerdings ein dickes Fragezeichen hinter diesen Pessimismus zu setzen. Selbstverständlich würde der Ölpreis durch alle Decken gehen, falls es am Persischen Golf zu einem neuen großen Krieg kommen sollte. Solange aber nur die normalen Kräfte des Markts wirken, gibt es keinen Preis, der immer nur eine Richtung kennt.
Martin Feldstein, Harvard-Ökonom und früherer Chefvolkswirt Ronald Reagans, hat dieser Tage in einem Beitrag für das "Wall Street Journal" noch einmal prägnant daran erinnert, wie extreme Preissprünge schon durch geringe Verschiebungen von Angebot und Nachfrage ausgelöst werden können.
Für jeden Wirtschaftspolitiker sollte dieser Artikel* Pflichtlektüre sein. Denn Feldstein zeigt auch, welche Hebel die Politik hat, um das Problem des explodierenden Ölpreises schon relativ kurzfristig zu entschärfen.
Überschätzte Finanzspekulation
Auf den ersten Blick wirkt die wilde Ölpreisrally der vergangenen Monate eher rätselhaft. Sicher, die Förderkapazitäten sind nahezu voll ausgelastet; der Ölkonsum in großen Boomländern wie China und Indien steigt. Besonders beschleunigt hat sich dieser Nachfragetrend aber zuletzt nicht, der Öldurst der Industrieländer schwächt sich sogar spürbar ab. Per saldo sind die Änderungen von Angebot und Nachfrage deshalb eher gering. Dass sich der Preis für Rohöl dennoch binnen Jahresfrist gut verdoppelt hat, ist daher für viele nur noch als das Werk von Finanzspekulanten erklärbar.
Zwei Faktoren werden dabei aber übersehen. Zum einen ergibt sich immer eine besonders harte Konkurrenz unter den Nachfragern, wenn es nur eine fixe Angebotsmenge gibt, aber alle dringend auf den Stoff angewiesen sind. Wenn Konsumenten nur sehr unelastisch auf eine Preiserhöhung reagieren - sprich zwar laut stöhnen, aber trotzdem wie bisher weiter konsumieren wollen -, dann sind schon beim kleinsten Nachfrageüberhang heftige Preissprünge notwendig, um die Rationierung des vorhandenen Öls durchzusetzen.
Kaufkräftige Chinesen können derzeit eben immer nur das Öl zusätzlich verbrauchen, auf das andere zuvor verzichten. Das Druckmittel, das irgendwen irgendwo letztlich brachial zur Aufgabe zwingen muss, ist der Preis.
Genau besehen konkurrieren auch nicht nur verschiedene Nachfrager hier und heute um das Öl - es gibt obendrein noch die Nachfrager der Zukunft. Ölstaaten können ihre Ressource ja schließlich auch im Boden lassen und erst später verkaufen. Das ist immer dann lukrativ, wenn der erwartete Ölpreisanstieg höher ist als der Kapitalmarktzins für eine Anlage mit vergleichbarem Risiko. Wenn der Ölschatz also im Boden eine höhere Wertsteigerung erfährt als ein heute erzielbarer Verkaufserlös, der in andere Werte reinvestiert wird.
Die Aussicht, dass in einer fernen Zukunft noch viel mehr für einen Ölvorrat erlöst werden kann als heute, hat sich angesichts des Booms in den Schwellenländern in den vergangenen Jahren dramatisch verbessert. Zugleich wird es hier und jetzt langsam schwierig, attraktive Investments für die immer üppiger fließenden Petrodollars zu finden: Im Vergleich zu US-Staatsanleihen, Apartmenthochhäusern in Dubai oder der Beteiligung an einer wankenden Schweizer Großbank kann auch ein ruhendes Ölfeld eine erwägenswerte Kapitalanlage sein.
Ein solches Investmentkalkül könnte jedenfalls erklären, weshalb führende Ölstaaten wie Saudi-Arabien noch bis vor Kurzem darauf verzichtet haben, ihre Förderung auszuweiten: Auf dem Ölmarkt von übermorgen erwarten sie noch viel höhere Preise als auf dem Markt von heute - was wiederum die Preise heute hochtreibt. Eine Form der Spekulation, die aber nichts mit Wall-Street-Zockern zu tun hat.