Das ist ein Hochgefühl für den sich nach Anerkennung sehnenden Journalisten: zu sehen, wie ein Fremder im Zug begierig einen Artikel studiert, den man selbst verfasst hat. In über 20 Jahren durfte ich dieses Prickeln zweimal verspüren. Beide Male war es so wunderbar, dass es zehn Jahre warten wert war.
Doch dieses Vergnügen ist mir nicht mehr vergönnt. Denn vor anderthalb Jahren habe ich das Zugfahren aufgegeben und radle stattdessen zur Arbeit. Und nun ist mir neulich auf dem Weg zur Arbeit etwas noch Schöneres (und Merkwürdigeres) widerfahren. Ich stoppte an der Ampel neben einem gut aussehenden Mann, dessen teurer Anzug ganz und gar nicht fürs Radfahren geschneidert worden war. Wir schauten einander an, schauten weg, und dann schaute er mich noch einmal aufmerksam an. So etwas passiert mir heutzutage nicht mehr (wenn es überhaupt je passiert ist) und vor allem dann nicht, wenn ich eine übergroße, fluoreszierende Straßenfegerweste und einen grellen Radhelm trage.
Er sagte: "Ich fahre heute mit dem Rad, weil ich Ihren Artikel in der Zeitung gelesen habe." Die Ampel sprang auf Grün, und weg war er. Welche Freude. Welche Verwirrung. Denn ich hatte nicht übers Radfahren geschrieben, sondern darüber, dass ich mittleren Alters bin. Trotzdem, er hatte einen meiner Artikel gelesen und war deswegen aufs Rad umgestiegen. Dann kam mir ein Gedanke: Wenn ich einen Menschen, ohne es groß zu versuchen, bekehren kann, wie viele mehr könnte ich bekehren, wenn ich mich wirklich anstrenge?
Zehn Gründe
Heute habe ich also zehn ausgezeichnete Gründe zusammengetragen, warum es eine sehr gute Idee für Sie ist, mit dem Rad zur Arbeit zu fahren: Es macht Sie reicher, gesünder, möglicherweise schlanker und ganz bestimmt weniger verrückt. Es hilft Ihnen, neue Freunde kennen zu lernen, es gibt Ihnen ein Gefühl der Tugendhaftigkeit und schenkt Ihnen mehr Freizeit. Sie sind bei der Arbeit produktiver, und Sie schonen die Umwelt. Wenn Sie Mitte 40 sind, werden Sie auf der Stelle ein Vierteljahrhundert jünger und fühlen sich wieder wie ein junger Hüpfer.
Das ist eine sehr beeindruckende Liste von Vorteilen, das müssen Sie schon zugeben. Ich fordere an dieser Stelle jeden auf, eine Veränderung des Arbeitstags zu nennen, die auf so vielfältige Weise nutzbringend ist wie das Radfahren. Zugegeben, man kann dabei ins Schwitzen geraten und auch den Tod finden, aber zu diesen Nachteilen komme ich später.
Der größte Vorteil für mich ist, was mein Fahrrad mit meiner Laune anstellt. Meine tägliche Tour beruhigt mich und heitert mich auf. Radfahren ist der beste Puffer zwischen Arbeit und Zuhause. Beim Radfahren muss man sich konzentrieren, man kann nicht groß nachdenken, und man kann sich nicht aufregen - weder darüber, dass die Kinder den Zahnarzttermin verpasst haben, noch über eine verpatzte Kolumne. Stattdessen singe ich oft beim Radfahren. Heute war es "Wicked Game" von Chris Isaak.
Das andere Wunderbare am Radeln ist die Effizienzsteigerung, die man dadurch erreicht: Mein Weg zur Arbeit ist jetzt fünf Minuten kürzer als die Zugfahrt und kostet 80 £ weniger im Monat. Ich muss nie warten, ich muss mich während der Stoßzeiten nicht an die Körper fremder Menschen drängen. Ich muss auch nie ins Fitnessstudio, für das man jedes Jahr Unsummen ausgibt und viele Stunden auf diesen fürchterlichen Geräten verschwendet (ehrlich gesagt bin ich nie ins Fitnessstudio gegangen. Das heißt, durchs Radfahren bin ich zum ersten Mal in meinem Leben fit). Ich fahre inzwischen recht schnell und überhole auf der Londoner Southwark Bridge schon mal junge Männer in voller Montur. Ein nettes kleines Kräftemessen für den Beginn des Arbeitstags.
Hat Ihr Unternehmen einen Fahrradschuppen, werden Sie feststellen, dass Sie jeden Tag aufs Neue Freunde finden, während Sie Ihr Fahrrad in den Ständer hieven: Sie halten immer mal wieder ein kleines, belangloses Schwätzchen über den Verkehr und das Wetter.
Nun zu den beiden größten Nachteilen. Der erste ist das Schwitzen, das viele Leute vom Radfahren abhält. Für mich persönlich ist das kein großes Problem. Ich setze mich mit hochhackigen Schuhen, Lippenstift und normaler Bürokleidung aufs Rad und gehe vom Fahrradschuppen direkt zu meinem Schreibtisch - ohne übermäßig durchgeschwitzt oder zerzaust zu sein.
Schwitzend ins Büro
Vor kurzem radelte ein Banker aus der City an mir vorbei. Mit seinem wunderschönen pinkfarbenen Hemd mit Manschettenknöpfen und seinen teuren Lederschuhen sah er sehr smart aus. Ein Bein seiner Nadelstreifenhose hatte er hochgezogen, damit es sich nicht in der Kette verfängt - damit hatte er auch den Blick auf eine rührend weiße, behaarte Wade freigegeben.
Für den einfacher strukturierten, verschwitzteren Radler, der seinen kurzen Weg zur Arbeit unbedingt in einer Tour-de-France-Montur bestreiten will, bieten die meisten großen Unternehmen Duschräume. Hier kann er seinen hautengen Dress ablegen, sich waschen und angemessenere Kleidung anlegen.
Schließlich ist da noch das Risiko, im Straßenverkehr getötet zu werden. Radfahrer sind weiches Gewebe, das gegen einen riesigen Gelenkbus kaum eine Chance hat. Radfahren ist gefährlich, und es ist sehr leichtsinnig, ohne Sicherheitsausrüstung zu fahren. Doch trotz der Gefahr habe ich auf dem Rad fast nie Angst. Ich fühle mich wachsam, aber nie bedroht. Vor kurzem bin ich an einem warmen Abend losgeradelt, um eine Rede vor ein paar Geschäftsleuten zu halten. Für die Fahrt hatte ich ein gutes Gefühl, für die bevorstehende Rede nicht. Auf dem Weg wurde ich fast von einer sich öffnenden Beifahrertür getroffen, schwenkte aus und konnte nur knapp einem Lkw ausweichen.
Ich fragte mich, wie es kommt, dass ich keine Angst habe, zu Tode gequetscht zu werden, dafür aber die Demütigung durch eine kleine Gruppe zivilisierter Menschen fürchte? Plötzlich hatte ich keine Angst mehr. An diesem warmen Abend habe ich vom schnellen Radfahren vielleicht etwas transpiriert, aber auf dem Podium waren feuchte Hände kein Problem mehr. Diesen Bonus hatte ich am wenigsten erwartet: Radfahren hat mich weniger ängstlich gemacht, nicht nur im Sattel, sondern überhaupt.
Lucy Kellaway ist Kolumnistin der Financial Times. Die Kolumne von Thomas Fricke erscheint wieder am 4. August.