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Merken   Drucken   16.07.2009, 19:18 Schriftgröße: AAA

Kolumne: Fricke - Schuld sind immer die Anderen  

Europas Notenbank hat die Krise erst unterschätzt und dann langsam reagiert. Jetzt empfiehlt sie zur Behebung allen Ernstes mehr Flexibilität am Arbeitsmarkt. Fehlende Kriseneinsicht - oder unflexibles Denken? von Thomas Fricke
Als vor zwei Jahren die Finanzkrise losging, gab es für die Deutschen noch Lob für endlich reformierte Strukturen, flexiblere Arbeitsmärkte, mehr Niedriglohn, einfach gut aufgestellte Unternehmen. Dann gingen plötzlich Banken nieder, platzten die Wetten gieriger Finanzmanager, explodierten spekulationsgetriebene Rohstoffpreise. Worauf der Umsatz bestens aufgestellter Firmen abstürzte.
Umso erstaunlicher ist, was die Europäische Zentralbank in ihrem jüngsten Monatsbericht etwas versteckt, aber unzweideutig gegen weitere Krisenschäden fordert: flexiblere Arbeits- und Gütermärkte, mobilere Menschen und eine "erleichterte" Lohnsetzung (womit Notenbanker in der Regel nicht auf Schwierigkeiten bei der Aufwärtssetzung hinweisen möchten).
Dabei wirkt es politisch zumindest originell, Löhne senken zu wollen, wenn Crashs von Bankmanagern, Ölspekulanten und Investbankern dauerhaft Schäden in der Wirtschaft zu hinterlassen drohen. Ökonomisch hat das Comeback der Strukturreformrufe etwas merkwürdig Reflexartiges. Wie lang die Krise nachwirkt, dürfte stärker davon abhängen, ob Regierungen und Notenbanken wie die EZB in den kommenden Monaten das Richtige tun - weniger von, sagen wir, neuen Tariföffnungsklauseln.
In internationalen Organisationen sind die Gedankenspiele gerade in Mode. Da wird eifrig geschätzt, wie stark die Folgeschäden der Krise das Wachstum in 10, ach, 20 Jahren dämpfen werden. Bis auf die Stelle hinterm Komma. Es sei "plausibel", dass die Zinsen in den nächsten 20 Jahren (nicht Tagen oder Wochen) um 1 bis 1,25 Punkte höher sein würden als vor der Krise, weil alle jetzt vorsichtiger seien, orakeln Ökonomen der EU-Kommission. Oder dass viele Arbeitslose so schnell nicht wieder Jobs finden, den Anschluss verlieren und zu schwer vermittelbaren Langzeitarbeitslosen werden könnten. Mit ähnlich dauerhaft negativen Folgen fürs Potenzial der Wirtschaft. Klarer Schluss: Um so was zu verhindern, braucht man Strukturreformen. Siehe oben.

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