Die Zahl ist neu, das Phänomen scheint alt, ebenso wie die Rezepte. Wenn in Deutschland fünf Millionen Menschen arbeitslos sind, liegt das nach gängiger Diagnose vor allem daran, dass Arbeit im Land zu teuer geworden ist. Die Schuldigen stehen auch fest: Arbeitgeber wie Gewerkschafter, die Deutschlands Löhne schneller steigen ließen als anderswo; und Politiker, die Einheitslasten über Sozialkassen finanzierten und so die Lohnnebenkosten hochtrieben. Das sagt auch die Sabine Christiansen. Jeden Sonntag.
Umso erstaunlicher ist, was herauskommt, wenn man den seit Jahren aufgesagten Standard-Befund noch einmal prüft. Kurios, aber wahr: Es gibt keine Statistik und keine Tarifbilanz, die bestätigt, dass in den vergangenen drei Jahrzehnten die hiesigen Löhne systematisch schneller gestiegen sind als in Schweden, Holland oder den USA - im Gegenteil. Wieso sind die Deutschen dann so teuer? Die Auflösung könnte im dramatischen Höhenflug von Mark und Euro seit 1970 liegen - eine Aufwertung, die via Umrechnung alles, was aus Deutschland kommt, für den Rest der Welt so teuer gemacht hat: ein womöglich dramatisch unterschätzter Krisenbeitrag.
Auf den ersten Blick wirken die Kostentabellen eindeutig. Nach Schätzung des Instituts der deutschen Wirtschaft zahlen westdeutsche Industriefirmen im Schnitt gut 27 Euro für eine Stunde Arbeit. In Schweden sind es gut 16 Prozent weniger; in den USA und Großbritannien geben die Betriebe umgerechnet sogar weniger als 20 Euro.
Das Frappierende ist, dass es seit 1970 nur ein Jahr gab, in dem die Löhne in der deutschen Privatwirtschaft schneller stiegen als im Schnitt der heutigen Euro-Staaten. Nur fünfmal übertraf der Zuwachs den Schnitt aller OECD-Staaten (ohne Hochinflationsländer), das war gleich nach dem Mauerfall. Selbst dieser Ausreißer ist längst wettgemacht: Seit 1995 stiegen die deutschen Lohnkosten um fast 20 Prozentpunkte langsamer als bei der Konkurrenz, nachdem sie von 1990 bis 1995 um insgesamt sieben Punkte schneller gewachsen waren. Wohl gemerkt: In diesen Löhnen sind auch jene Nebenkosten berücksichtigt, die angeblich das größte deutsche Übel sind.
Selbst im direkten Vergleich mit vermeintlichen Wunderländern schnitten die Deutschen fast Jahr für Jahr besser ab. Seit 1988 stiegen die Kosten nur in 8 von 17 Jahren schneller als in den Niederlanden und lediglich in drei Jahren stärker als im derzeit gerne gelobten Schweden. Die Briten gönnten sich selbst zu Zeiten der harten Margaret Thatcher deutlich höhere Lohnzuwächse als die Deutschen.
Rätselhaft? Wenn im Ausland die Löhne schneller zugelegt haben, müssten gemäß Adam Riese die Deutschen in den gängigen internationalen Kosten-Ranglisten unten und nicht oben stehen, zumindest im Trend. Genau das ist nicht der Fall, und hier kommen die Wechselkurse ins Spiel, die für internationale Wettbewerbsvergleiche ziemlich entscheidend sind - und für Deutschland womöglich fatal.
Kaum ein Land hat seit 1970 eine so drastische Aufwertung der Währung mitgemacht. Laut OECD hat sich der durchschnittliche Außenwert von Mark und später Euro in den 35 Jahren glatt verdreifacht - gigantisch. Das hat zwar stets dafür gesorgt, dass die Deutschen recht billig importieren konnten, nur ließ es automatisch auch die inländischen Kosten im Vergleich zur Konkurrenz auf die bekannten Niveaus steigen. Zum Vergleich: In Frankreich hat sich der Außenwert im Schnitt so gut wie gar nicht verändert, in Schweden und Großbritannien ist er sogar gefallen. Kein Wunder, dass dort die Arbeit noch so billig wirkt. Selbst der Dollar-Wert hat sich seit 1970 nicht einmal verdoppelt.
Was den Befund für die Deutschen so absurd macht, ist, dass es spätestens nach der wirtschaftlich katastrophalen Vereinigung 1990 genau umgekehrt hätte kommen müssen. Ein Land, das durch seine Einheit so stark geschwächt wurde, hätte nach ökonomischer Logik abwerten müssen, nicht aufwerten. Passiert ist das Gegenteil. Zu den ohnehin schon außergewöhnlichen Lohnzuwächsen kam zwischen 1989 und 1995 eine Mark-Aufwertung von fast 40 Prozent. Offenbar glaubten auch die Devisenhändler den forschen Versprechen damals, die Einheit sei aus der Vereinskasse zu zahlen und Deutschland dann wirtschaftlich noch stärker. Glückwunsch für die Prognose.
Erstaunlich ist, wie wenig das die Deutschen zu beunruhigen scheint. Mal angenommen, die Mark hätte alleine seit 1989 nur halb so stark aufgewertet - die Löhne in der westdeutschen Industrie lägen im Schnitt heute niedriger als bei den Schweden und irgendwo im internationalen Mittelfeld, allein durch die Umrechnung. Tatsächlich gingen damals massig Weltmarktanteile verloren: Laut OECD stiegen die deutschen Exporte von 1990 bis 1995 um insgesamt 20 Prozentpunkte langsamer als die Importnachfrage der wichtigsten Abnehmer.
Vieles spricht dafür, dass Deutschlands Betriebe seitdem auf absurde Art vor allem damit beschäftigt sind, jene Kostennachteile, die durch immer neue Aufwertungen entstehen, durch immer neuen Jobabbau auszugleichen. Der Außenwert lag 2004 noch einmal fast fünf Prozent höher als beim Rekord von 1995. Ein teures Unterfangen ist das, weil all das Kürzen und Entlassen Einkommen und Konsum im Land dramatisch bremst. Hier liegt womöglich ein ziemlich entscheidender Teil der ganz eigenen deutschen Wirtschaftsmisere. "Die Stagnation der Binnennachfrage ist eine Konsequenz der erfolgreichen Versuche deutscher Firmen, ihre Kostenstrukturen zu verbessern", diagnostizieren die Ökonomen bei Goldman Sachs.
Es gibt nur zwei Länder, die seit 1970 ähnlich absurde Aufwertungen erlebt haben: die Schweiz und Japan. Beide haben jahrelang stagniert und gekriselt. Das ist kein Zufall. Umgekehrt fällt auf, dass es unter den Boomländern der Welt ziemlich viele gibt, die vor Beginn ihres Aufstiegs kräftig abwerteten (ob freiwillig oder nicht) - und damit einen Schub an Wettbewerbsfähigkeit mit in den Aufschwung nahmen. Das war bei den Schweden so, deren Währung 1993 um fast 20 Prozent stürzte. Oder den Spaniern, ganz zu schweigen von gelobten Billigländern wie Polen, Ungarn, Korea oder Mexiko.
Für Deutschland ließe sich jetzt einwenden, dass es zumindest gegenüber den Euro-Partnern ja gar keine Abwertung mehr geben kann - solange es den Währungsclub gibt. Richtig. Mehr als die Hälfte des Exports geht aber nach wie vor in die ziemlich gewichtige Nicht-Euro-Welt: in die USA, nach Großbritannien, Schweden, Osteuropa, Asien oder Lateinamerika - dorthin, wo so viel Billigkonkurrenz sitzt.
Warum sollten die Amerikaner abwerten, deren hohes Außendefizit eher daher kommt, dass sie über ihre Verhältnisse leben, zu viel konsumieren und zu wenig sparen? Und warum die Asiaten, die ihre Währungen seit geraumer Zeit per Notenbankintervention künstlich billig halten?
Die Deutschen hätten weit triftigere Gründe: Es wäre ökonomisch absolut nachvollziehbar, zumindest einen Teil der völlig absurden Verdreifachung des Außenwerts seit 1970 zu korrigieren. Laut OECD-Schätzungen liegt der wirtschaftlich gerechtfertigte Euro-Kurs zum Dollar heute ohnehin bei 1,05 $ - nicht bei 1,30, wie zuletzt. Die Rückkehr dorthin käme einem kostenmäßigen Wettbewerbsgewinn von 20 Prozent gleich. Das wäre was - ohne dass Jobs und Einkommen gekürzt werden müssten.
Die Alternative könnte sein, dass Deutschlands Wirtschaft vor lauter neuer Kostensparrunden und binnenwirtschaftlicher Depression noch Jahre zwischen Stagnation und Mini-Wachstum dümpelt.
Kosten und Wechselkurse sind nicht alles, klar. Es spricht aber einiges dafür, dass es unter den fünf Millionen Arbeitslosen im Winter 2005 ziemlich viele gibt, die noch einen Job haben könnten - wenn die Deutschen in den vergangenen drei Jahrzehnten nicht ganz so naiv nach einer immer härter und härteren Währung gestrebt hätten. Es wird Zeit, die Krisendiagnose zu überarbeiten - statt über relativ belanglose Steuerreform-Nachschläge zu fabulieren, die sich ohnehin keiner leisten kann.
Thomas Fricke ist Chefökonom der FTD. Er schreibt jeden Freitag an dieser Stelle.