Fehler unter StressIn dieser Stimmung, unter dem Stress der Ereignisse, unterliefen ihm und seiner Mannschaft schwere Fehler, wie das Zitieren einer Studentenarbeit als gesicherter Geheimdienst-Beweis. Lange Zeit übernahm Blair die Politik des Weißen Hauses zu unkritisch. Der Tod des Waffeninspektors David Kelly ist der Höhepunkt dieser Serie von Tragödien und Pannen. Tony Blair weiß, wie gefährlich ihm der Kelly-Skandal werden kann. Allerdings gehen die Vorwürfe der Opposition doch sehr weit. Klebt wirklich Blut an Blairs Händen? Eher nicht. Die politische Rechnung geht an seine Adresse, Totschlag oder Anstiftung zum Selbstmord belasten ihn aber sicher nicht. Unter dem Strich kann Blair noch immer mit dem Ruf eines aufrechten, moralischen, wenn auch etwas glücklosen Demokraten aus der Irak-Krise hervorgehen.
Ganz anders der Fall in den USA. George W. Bush hat nicht allein gehandelt, sondern er stützt sich auf Ideen der neokonservativen Bewegung - der "Neocons" -, die den Irak-Krieg, eine neue Nahost-Politik, amerikanische Alleingänge, den Unilateralismus und Hightech-Blitzoffensiven über Jahre hinweg intellektuell und publizistisch vorbereitet haben.
Diese Bewegung arbeitet seit vielen Jahren mit offenem Visier. Fast alles, was im Laufe des vergangenen Jahres passiert ist, stand in ihrem Programm. Es ist kein Zufall, sondern System. Um ihre Ziele zu erreichen, haben Bushs Leute fahrlässig oder vorsätzlich die Arbeitsergebnisse der Geheimdienste verfälscht und der Öffentlichkeit manipulierte Beweise präsentiert. Eine tiefere moralische Abwägung wie bei Blair ist bei Bush nicht zu spüren. Er trägt einen bekennerischen, unreflektierten Glauben zur Schau, wie ihn die Kreuzritter kaum penetranter verkündet haben.
Nicht der Krieg war Bushs Vergehen, sondern sein Lügen. In gewisser Weise entspringen diese Lügen der Logik der amerikanischen Verfassung. Für eine Kriegserklärung braucht der Präsident die Zustimmung des Kongresses. Die gewinnt er aber nur, wenn er eine klare und unmittelbare Bedrohung der USA nachweisen kann. Für andere Kriegsgründe, wie etwa die Befreiung eines fremden Volkes von einem Diktator, gibt der Kongress fast nie grünes Licht. Selbst gegen Hitler ging er erst nach dem Angriff auf Pearl Harbor vor.