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Merken   Drucken   15.10.2007, 19:50 Schriftgröße: AAA

Kolumne: Joseph Stiglitz: Amerikanisches Kartenhaus  

Zielstrebig ist die US-Wirtschaft in die Subprime-Krise gesteuert und hat dabei weltweit Kollateralschäden angerichtet. Jetzt geht es darum, die Auswirkungen auf die Konjunktur abzufedern. von Joseph Stiglitz
Manchmal macht es keine Freude, recht zu haben. Jahrelang habe ich argumentiert, die US-Wirtschaft werde von einer Spekulationsblase auf dem Häusermarkt gestützt. Keine Blase kann sich endlos ausweiten. Angesichts stagnierender Einkommen in der US-Mittelschicht konnten sich die Amerikaner immer teurere Häuser nicht leisten.
Wie hat einer meiner Vorgänger im Amt des Chef-Wirtschaftsberaters des US-Präsidenten so treffend gesagt: "Was nicht aufrechtzuerhalten ist, wird nicht aufrechterhalten." Anders als jene, die ihr Leben mit Börsenspekulation bestreiten, behaupten Ökonomen nicht, den Tag der Abrechnung voraussagen zu können - und noch viel weniger das Ereignis, das das Kartenhaus zum Einsturz bringen wird. Doch es gibt sich wiederholende Muster mit Konsequenzen, die sich nur allmählich und schmerzhaft entfalten.
Man muss zwischen einer Makrostory und einer Mikrostory unterscheiden. Die Makrostory ist einfach, aber dramatisch. So sagen einige Beobachter des kollabierenden Markts mit schlecht besicherten Hypotheken: "Keine Angst, das ist bloß ein Problem auf dem Immobiliensektor." Dabei übersehen sie die zentrale Rolle, die der Wohnungssektor in der jüngsten Zeit für die US-Wirtschaft gespielt hat. Während der vergangenen sechs Jahre entfielen zwei Drittel bis drei Viertel des Wirtschaftswachstums auf Direktinvestitionen in Immobilien und auf Gelder, die durch Umschuldung von Hypothekendarlehen freigesetzt wurden.
Stark steigende Häuserpreise gaben den Amerikanern das Vertrauen und das nötige Geld, um mehr auszugeben, als sie einnahmen. Die US-Sparquote fiel auf Stände, wie man sie seit der Großen Depression nicht mehr erlebt hatte: Sie war entweder negativ oder lag bei null.
Nun, da höhere Zinsen die Häuserpreise unter Druck setzen, ist das Spiel vorbei. Wenn sich Amerika jetzt auf eine Sparquote von vielleicht vier Prozent zubewegt (was noch immer niedrig ist), wird sich die Gesamtnachfrage abschwächen, und damit auch die Konjunktur.
Schulden für den Konsumrausch
Die Mikrostory ist noch dramatischer. Die Rekordtiefs der Zinsen in den Jahren 2001 bis 2003 haben nicht dazu geführt, dass die Amerikaner mehr und nachhaltiger investiert haben. Stattdessen kurbelte das billige Geld die Konjunktur an, weil es die Haushalte verleitete, ihre Hypotheken umzuschulden und einen Teil ihres Kapitals auszugeben.
Es ist eine Sache, zu investieren und damit die Bilanzen zu stärken, und eine ganz andere, Kredite aufzunehmen, um seinen Urlaub oder seinen Konsumrausch zu finanzieren. Doch genau hierzu hat Alan Greenspan die Amerikaner animiert. Und als von den normalen Hypotheken nicht mehr genug Impulse ausgingen, ermunterte der damalige Chef der Notenbank dazu, Hypotheken mit variablem Zinssatz abzuschließen - zu einer Zeit, als die Zinsen nur noch in eine Richtung gehen konnten: nach oben.

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