FTD.de » Meinung » Kolumnen » Krippenplätze gegen Finanzcrashs

Merken   Drucken   02.07.2009, 18:29 Schriftgröße: AAA

Kolumne: Krippenplätze gegen Finanzcrashs  

In Wahlprogrammen deutscher Parteien sowie auf der G8-Agenda sucht man vergebens nach den versprochenen Radikalplänen, wie Krisen künftig verhindert werden können. Ideen dazu gibt es jedoch viele. von Thomas Fricke
Es wäre unfair zu sagen, unsere Volksparteien hätten keine Vorschläge, wie man globale Finanzkrisen künftig vermeiden könnte. Die Union führt im Wahlprogramm gleich zehn Punkte für den "Weg aus der internationalen Krise" auf, darunter den "Ausbau von Kinderbetreuungsplätzen für unter Dreijährige" (4.), die Stärkung ländlicher Räume (5.) - und dass "Leistung sich wieder lohnen muss" (1.). Die SPD setzt da stark auf Solidarität.
Und es wäre auch unfair zu behaupten, dass sich Silvio Berlusconi  keine Mühe gebe, einen krisengerechten G8-Gipfel zu veranstalten - immerhin lädt er die wichtigen Staats- und Regierungschefs nächste Woche demonstrativ ins erdbebengeschädigte L'Aquila ein.
Fragt sich nur, ob das Risiko neuer Finanzkrisen dadurch schon sinkt. Der Eifer scheint in der Tat irgendwie nachzulassen, aus der größten Wirtschaftskrise seit Jahrzehnten entsprechend große Konsequenzen zu ziehen. Dabei gibt es dafür zunehmend überzeugende Rezepte jenseits der ein oder anderen Regulierung.
Wie beim Doping
Natürlich gibt es auch bei Union und SPD Vorschläge, was man mit Finanzakteuren machen müsste, ebenso wie beim G8-Gipfel. Und die Sätze klingen ähnlich. Da ist von globalen Standards die Rede. Oder davon, dass Zweckgesellschaften Regeln brauchen. Und Ratingagenturen mehr Konkurrenz. Und Transparenz.
Das klingt prima. Die Frage ist nur, ob es den Ursprung des stets wiederkehrenden Wechsels von Überschwang und Crashs an den Märkten trifft. Bei der Bankenregulierung sei es wie bei der Antidopingagentur, sagt Henrik Enderlein von der Hertie School of Governance: Regeln werden für Produkte aufgestellt, die zuletzt unangenehm auffielen; in der Zwischenzeit proben die Akteure längst Neues. Die Wahrscheinlichkeit ist eher gering, dass es in absehbarer Zeit wieder zu einem Subprime-Boom kommt. Das braucht jetzt keiner mehr verbieten.
Es sei auch bekannt gewesen, dass die Citibank 50 Prozent Umsatz in Zweckgesellschaften gemacht habe, so Enderlein. Von wegen mangelnde Transparenz. Ähnliches gilt für manche Landesbank. Oder den Preistrend am US-Immobilienmarkt. Rätselhaft ist eher, warum das nicht abschreckend wirkt, bevor es zum Crash kommt - und Warnungen nicht durchdringen oder Anleger beeinflussen.
Eine Erklärung ist, dass es im Voraus keine objektiven Maßstäbe dafür gibt, ob und wann es gefährlich wird. Die andere, entscheidende liegt im System. Neuere Studien zeigen, dass Finanzakteure im Grunde völlig rational handeln, wenn sie in einer Finanzblase einsteigen, statt dagegen zu wetten. Wenn die Kurse dann logischerweise weiter steigen, bestätigt sich die Entscheidung nachträglich als richtig. Das Prinzip wirkt unabhängig vom Objekt der Begierde, ob es New-Economy-Werte sind oder Immobilien. Solange es nach oben geht, würde jeder Vermögensmanager wegen geschäftsschädigenden Verhaltens rausfliegen, wenn er verkauft. In so einem Run schwinden bei Banken auch automatisch die Vorsichtsreflexe - wenn Kapital und Gewinne steigen, fallen in den Modellen auch die Risikomesswerte. Und es schwindet die Überzeugungskraft jener, die warnen, dass solche Trends mal kippen.
Dem System fehlt die Autokorrektur. Die menschlichen prozyklischen Muster sind nicht weg, wenn Ratingagenturen plötzlich mehr Konkurrenz bekommen oder Zweckgesellschaften Kapitalvorschriften erfüllen müssen.
Einen besseren Vorschlag haben die fünf weltweit führenden Experten um den Briten Charles Goodhart, die am Donnerstag ihren Bericht zur Finanzregulierung* vorgestellt haben. Bisher seien Regulierer oft davon ausgegangen, dass das System schon stabilisiert wird, wenn einzelne Banken sicherer werden; etwa durch eine bessere Kapitalausstattung. In guten Zeiten verstärkte dieses Prinzip aber den Leichtsinn, weil die Anforderungen ja offenbar spielend erfüllt werden. "In Krisenzeiten können solche Anforderungen umgekehrt dazu führen, das ganze System zu destabilisieren", schreiben Goodhart und seine Kollegen - weil Banken ihre Kreditkonditionen verschärfen, wenn Unternehmen ohnehin schwerer an Kredit kommen.
Prozyklischer Regulierungseifer
Der Eifer, neue Regeln aufzustellen, sei immer dann groß, wenn Finanzblasen geplatzt seien, so der Bericht. Das sei absurd, weil Banken in der Krise ohnehin keine hohen Risiken eingehen. In Boomzeiten gibt es dagegen wenig Anreiz, mit unangenehmen Regeln aufzufallen. Daraus ziehen die Autoren den Schluss, dringend Mechanismen einzusetzen, die in guten Zeiten automatisch die Euphorie bremsen - und in schlechten entlastend wirken. So könnten die Anforderungen an Banken nach einem festen Schlüssel progressiv anziehen, wenn die Kreditvergabe stärker als längerfristig üblich steigt und sich ein Missverhältnis zwischen langfristigen Aktiva und kurzfristigen Schulden ergibt. In schlechten Zeiten geschieht das Gegenteil.
Enderlein zufolge bräuchte es für ein solches System eine globale Instanz, die genug Autorität und Unabhängigkeit besitzt, um sich im Aufschwung gegen den Hang zum Leichtsinn zu stemmen und Forderungen gegen den Trend durchzusetzen.
Die Idee antizyklischer Regelwerke habe Politiker anfangs begeistert, so Goodhart. Sehr viel passiert sei aber nicht. Das gelte für die jüngsten US-Vorschläge zur Finanzregulierung, wie für Briten und die Euro-Zone. Und die Chancen stehen schlecht, dass sich daran noch viel ändert. Jedenfalls bis zur nächsten Krise.
Gemessen daran lesen sich auch die Wahlprogramme unserer Volksparteien eher krisenfreundlich. Da ist zwar vorsichtig von unschönen prozyklischen Regeln die Rede. Das war's dann aber. Könnte sein, dass die Kinder, die in Deutschland bald sehr viel besser betreut werden (was definitiv gut wäre), die nächste globale Finanzkatastrophe ausbaden müssen.
*"The Fundamental Principles of Financial Regulation", Geneva Reports on the World Economy 11, Juli 2009
Thomas Fricke ist Chefökonom der FTD. Er schreibt jeden Freitag an dieser Stelle.
  • Aus der FTD vom 03.07.2009
    © 2009 Financial Times Deutschland,
Jetzt bewerten
Bookmarken   Drucken   Senden   Leserbrief schreiben   Fehler melden  
  24.06.2009 Pressestimmen "Beim Thema Afghanistan Tacheles reden"  
Pressestimmen: "Beim Thema Afghanistan Tacheles reden"

Der Tod dreier Soldaten im Kundus gibt Anlass zu neuen Diskussionen über den Bundeswehreinsatz in Afghanistan. Verteidigungsmininister Jung will nicht von Krieg sprechen. Die Kommentatoren der deutschen Tageszeitungen fordern klare Stellungnahmen der Politik. mehr

FTD-Debatte

zur FTD-Debatte

 



Die FTD-Personendatenbank
 


  10.02. Angelina Jolie trifft Guido Westerwelle
Politik: Angelina Jolie trifft Guido Westerwelle (00:00:56)

Bei dem Treffen im Auswärtigen Amt ging es um die Situation der Flüchtlinge. mehr

Mehr zu: Angelina Jolie, Bosnien, Niebel

 
© 1999 - 2012 Financial Times Deutschland
Aktuelle Nachrichten über Wirtschaft, Politik, Finanzen und Börsen

Börsen- und Finanzmarktdaten:
Bereitstellung der Kurs- und Marktinformationen erfolgt durch die Interactive Data Managed Solutions AG. Es wird keine Haftung für die Richtigkeit der Angaben übernommen!

Über FTD.de | Impressum | Datenschutz | Disclaimer | Mediadaten | E-Mail an FTD | Sitemap | Hilfe | Archiv
Mit ICRA gekennzeichnet

VW | Siemens | Apple | Gold | MBA | Business English | IQ-Test | Gehaltsrechner | Festgeld-Vergleich | Erbschaftssteuer
G+J Glossar
Partner-Angebote