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Merken   Drucken   27.10.2008, 18:59 Schriftgröße: AAA

Kolumne: Lucas Zeise - Weisheit in der Krise  

Die Finanzkrise wirft sicher geglaubte Sätze über den Haufen. Wie diesen: Eigentlich verstehen Politiker nichts von Banken, mit einem Mal aber sehr wohl. Ein Wunder ist geschehen! von Lucas Zeise
Keine Angst vor der Finanzkrise. In Wirklichkeit ist sie ein wahrer Ereignissturm, den Pfingstereignissen gleich, der die Herzen erhellt und Verhältnisse klärt, die bisher dunkel blieben. Jedenfalls der Schreiber dieser Zeilen fühlt sich in diesem Sinne erleuchtet.
Er weiß nun, wann staatliches Handeln segensreich, wann schädlich ist. Er erahnt, warum Politiker als Staatsvertreter in einigen Fällen ins Marktgeschehen einzugreifen haben, in anderen nicht. Er hat gelernt, auf welch geheimnisvolle Weise sich in der Europäischen Union das hehre Prinzip des freien Kapitalverkehrs durchsetzt: das in der EU gültige und im Lissabonner Staatsvertrag feierlich bekräftigte, dem Kapital gewährte, unveräußerliche Grundrecht, frei zu zirkulieren und sich dort zu engagieren, wo die höchstmögliche Rendite winkt.
Man sollte als Autor nicht zu lange im Abstrakten verweilen. Werden wir konkret: Staatliches Handeln ist schädlich, es kommt einem ungerechtfertigten Markteingriff gleich, wenn beispielsweise (in Paris!) eine "Wirtschaftsregierung" in der EU gefordert wird. Das wäre ein gefährlicher Eingriff ins freie Marktgeschehen. Segensreich ist es hingegen, wenn die deutsche Regierung eine Generalhaftung für die Zahlungsfähigkeit aller Banken erklärt und damit die Steuern ihrer Bürger verpfändet.
Neu geordnete Bankenlandschaft
Beglückend ist auch, dass unsere - ich benutze bewusst das besitzanzeigende Fürwort in der ersten Person - große Koalitionsregierung diskret und erfolgreich dazu beitragen durfte, die Bankenlandschaft in Deutschland zu konsolidieren und den wild tobenden Wettbewerb ein wenig einzudämmen. Die Dresdner Bank ist so gut wie verkauft, die Postbank geht in Raten an die Deutsche Bank. Damit wird die beklagenswerte Gewinnarmut deutscher Banken, die in den Zeiten vor der Finanzkrise beim Marktführer kümmerliche 41 Prozent Eigenkapitalrendite betrug und von Bankenpräsident Klaus-Peter Müller für sein Institut, die Commerzbank, auf wahrhaft jämmerliche 15 Prozent Eigenkapitalrendite nach der Krise geschätzt wird, endlich weichen. Deutsche Banken werden dank ihres konsolidierten und konkurrenzärmeren Zustands künftig solche Gewinne verzeichnen, wie sie Merrill Lynch, UBS oder die Royal Bank of Scotland eingefahren haben. Es wird eine glückliche Zeit sein.
Bewundernswert geradezu die Diskretion, mit der unsere Staatsorgane - in diesem Falle höchst positiv - darauf hinwirkten, dass die Postbank nicht Beute einer fremdländischen Bank wurde. Niemals hätte - oder hat - die Bundesregierung, wie Finanzminister Peer Steinbrück anmerkt, auf die Post eingewirkt, damit diese den inländischen Bewerber um die Postbank gegenüber der frech mehr bietenden Santander-Bank bevorzuge und damit unseren nationalen Champion Deutsche Bank stärke.
Dennoch ist auch unser Champion derzeit nicht mehr ganz so stark, wie er einmal war. Schon hat sein Chef Josef Ackermann das alte bescheidene Ziel von nur 25 Prozent Eigenkapitalrendite aufgegeben. So wird es in diesen Zeiten knapper Liquidität zum nationalen Glücksfall, wenn unser Champion mit dem Kauf von 30 Prozent an einer bisher staatlichen Bank den bestimmenden Einfluss auf die Einlagen der meisten Privatkunden im Lande erhält. Wir haben es mit einem segensreichen Ausnahmefall zu tun, wo staatliches Handeln sich aufs Glücklichste mit den Marktkräften verbindet.
Dennoch bleibt generell richtig: Allein der Markt weiß, wie Banken gut funktionieren und unter welchem Eigentümer. Das haben die Verhältnisse vor Ausbruch der Krise ja deutlich gezeigt. Politiker dagegen verstehen anders als Banker nichts vom Bankgeschäft. Sie sind als Eigentümer oder deren Vertreter in Bankengremien überfordert. Deshalb gilt auch der Satz, dass Banken immer private Eigentümer haben müssen. Und doch zählt zu den Wundern der modernen Welt (zu denen auch die lehrreiche Finanzkrise zählt), dass es Momente gibt, da Politiker wissen müssen, wann Banken viel Geld brauchen. Sie müssen wissen, wann das, was eigentlich verpönt ist, nationale Rettung und höchste Tugend bedeutet. Im Bankendeutsch ausgedrückt: Sie müssen wissen, dass einmal Anstaltslast und Gewährträgerhaftung (A&G) schädlich und nicht hinzunehmen sind, nämlich im Fall der Sparkassen und Landesbanken vor der Krise. Und sie müssen wissen, wann A&G geboten sind - nämlich in der Krise und dann gleich für alle Banken.
Wissen, was funktionieren wird
Es gibt übrigens eine weitere singuläre Ausnahme. Sie heißt Neelie Kroes. Sie allein unter den Politikerinnen kennt wirklich die Welt. Die EU-Kommissarin für Wettbewerb weiß, dass Banken ohne direkten Kontakt zur Privatkundschaft scheitern müssen. Sie weiß, wie erfolgreich umstrukturiert wird. Sie weiß, dass der in Brüssel vorgelegte Umstrukturierungsplan der WestLB "nicht funktionieren wird". Frau Kroes weiß, wann Hilfen des Staates für fallierende Banken gut sind und wann schlecht, sie weiß, wann sie genehmigt werden können und wann nicht. Sie weiß zu unterscheiden, wann eine Bank unverschuldet durch "exogene Probleme im Finanzmarkt" mitgerissen wurde und wann eine andere wegen waghalsiger Geschäftsmodelle selbst für die Schieflage verantwortlich ist.
Frau Kroes ist nicht nur außergewöhnlich, weil sie als Einzige in der Politik über so vorzügliche Kenntnisse im Bankgewerbe verfügt. Sie lässt die Öffentlichkeit auch an ihren Erkenntnissen teilhaben. Es ist ein Segen für die Beziehungen einer Bank wie der WestLB zu ihren potenziellen Anleihekäufern, wenn Letztere von höchster Stelle schon wissen, dass das Geschäftsmodell der Bank nichts taugt.
Ein ganz klein wenig Kritik sei dennoch an der weisen Neelie vorgebracht. Hätte sie nicht, mit all ihrer Kenntnis der Banken und deren zukünftigen Erfolgschancen, das Management der Beihilfen aller EU-Länder und die Auswahl der Banken gleich selbst übernehmen können? Die Planung des Bankenmarkts läge in einer Hand. Es müssten keine Finanzminister zurücktreten. Politik und Markt wären in wohlwollender Diktatur vereint.
Denken Sie darüber nach, Frau Kroes!
Lucas Zeise ist Finanzkolumnist der FTD. Er schreibt jeden zweiten Dienstag an dieser Stelle.
  • Aus der FTD vom 28.10.2008
    © 2008 Financial Times Deutschland,
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