Wir erleben in diesen Wochen den womöglich gefährlichsten Moment der ganzen Finanzkrise. Es ist der Punkt, an dem Beobachter ein Licht am Ende des Tunnels sehen und falsch interpretieren.
Dieser Punkt ist aus drei Gründen gefährlich. Zum einen ist die Lage weiterhin unsicher. In der Vergangenheit gab es öfter Signale, dass die Finanzkrise bald zu Ende gehen würde. Zweitens besteht die Gefahr, dass die Rezession zwar in diesem Jahr offiziell endet, dann aber eine lange Stagnation folgt. Der dritte Grund ist, dass der vermeintliche Wendepunkt der Krise falsche politische Reaktionen provozieren könnte. Wer glaubt, man könne jetzt die Hände in den Schoß legen, wird in dem Glauben bestätigt.
Damit könnte insbesondere die überfällige Reinigung der Bankbilanzen auf der Strecke bleiben oder wie in den USA nur ungenügend voranschreiten. Die Politiker würden lieber die Finger von diesem brenzligen Thema lassen, mit dem man keine Wahlen gewinnt. Die Punkte zwei und drei halte ich für die problematischsten; was den Verlauf der Finanzkrise angeht, bin auch ich diesmal verhalten optimistisch. Die Produktion wird sich in den nächsten Monaten auf niedrigem Niveau stabilisieren.
In Europa ist ungefähr ein Fünftel der Industrieproduktion weggebrochen. Aus diesem Fünftel wird vielleicht ein Viertel, aber wahrscheinlich kein Drittel. Bis zum Sommer geht der Verfall mit verringertem Tempo weiter, und im Herbst wird sich die Lage stabilisieren. Die Konjunkturprogramme der Regierungen werden dann anfangen zu greifen, und die Nullzinspolitik der Notenbanken wird ebenfalls Früchte tragen.
Die Kurven nach der Rezession
Selbst ein Sturz aus einem Hochhaus ist immer von beschränkter Dauer. Die wirklich interessante Frage ist somit nicht: Wann ist die Rezession zu Ende, sondern: Was kommt danach?
In der Vergangenheit folgte auf die Rezession der Aufschwung. Die Form des Zyklus glich einem "V", bei einer schweren Rezession einem "U". Aber was passiert, wenn wir es mit einem "L" zu tun haben oder einem spiegelbildlichen "J", wie es Lorenzo Bini Smaghi in einem Interview mit dieser Zeitung formulierte? Eine weitere Möglichkeit hat Thomas Mayer von der Deutschen Bank beschrieben: Er sieht die Möglichkeit einer sich abschwächenden Sinuskurve - einer kurzfristigen Erholung, gefolgt von einem erneuten Abschwung und dann weiteren immer schwächeren Auf- und Abschwüngen, ähnlich wie in Japan in den 90er-Jahren. Egal, ob die Krise in ein "L", ein "J" oder in eine Sinus-Kurve mündet: Ein Japan-Szenario wird immer wahrscheinlicher. Und dieses Szenario ist konsistent mit den neuesten Konjunkturdaten und Indikatoren. Das Problem in Japan war nicht der Crash direkt nach der Bubble, sondern die zehn Jahre Stagnation danach.