Wer regiert das Land?Nach so vielen Vetos stellt sich die Frage, wer eigentlich das Land regiert. Alle vier Jahre wählt das Volk den Bundestag, dieser bestimmt den Kanzler und der bildet eine Regierung. Man muss die getroffene Wahl nicht gut finden, aber Kanzler und Bundestagsmehrheit vertreten nun einmal den Willen des Souveräns. Für vier Jahre sollte diese Mehrheit ihre Pläne umsetzen dürfen. Wenn sie scheitert, wird sie abgewählt. Völlig sinnlos aber ist es, innerhalb der Wahlperiode jeden einzelnen Schritt der Regierung an den politischen Werten der Opposition zu messen.
Die Grundrichtung einer Gesellschaft kann alle vier Jahre wechseln, absurd ist jedoch der Versuch, zwei konträre Vorstellungen in jedem einzelnen Gesetz unterzubringen. Zwar billigt das Grundgesetz dem Bundesrat eine starke Stellung zu, doch das geschah 1949 aus einem historischen Motiv - die Länder sollten das Gegengewicht zur Zentralregierung bilden und neuen Extremismus verhindern. Herausgekommen ist eine Ländervertretung, die den Staat unfähig macht, moderne Herausforderungen wie Globalisierung, Finanznot und Überalterung zu bewältigen.
Zwei Möglichkeiten hat der Bundesrat: Entweder er geht mit seiner Macht zurückhaltend um und verwendet sie nur, um echte Exzesse des Bundes zu verhindern. Oder er muss per Verfassungsreform so schnell wie möglich gestutzt werden. Nach Jahrzehnten der Blockadepolitik ist die erste Option unrealistisch. Immer wenn die Opposition im Bundesrat die Mehrheit hatte, missbrauchte sie ihre Macht ohne Scham und schlechtes Gewissen. Die Befugnisse des Rates müssen deshalb auf ein Minimum verringert werden.
Johannes Buridan, französischer Scholastiker aus dem 14. Jahrhundert, schildert in seiner Fabel die Geschichte eines Esels, der zwischen zwei gleich großen Heubündeln verhungert, weil er sich zwischen den beiden nicht entscheiden kann. So wie Buridans Esels geht es der deutschen Politik. Wer gleichzeitig zwei entgegengesetzte Ziele verfolgt, wird keines von beiden erreichen.