Einen Oskar Lafontaine oder einen gestandenen SPD-Linken kann die Finanzmarktkrise nicht wirklich überraschen, bestätigt sie doch alle Vorurteile über den Kasinokapitalismus. Bankmanager, die die von ihnen eingegangenen Risiken nicht nur nicht beherrschen, sondern nicht einmal richtig erklären können, erschüttern aber auch das Grundvertrauen in die freie Marktwirtschaft auf der bürgerlichen Seite der Gesellschaft. Die Krise könnte einen Prozess beschleunigen, der längst begonnen hat: Enttäuschung über den Kapitalismus bei den Konservativen, namentlich den Wählern der CDU. Die Wirtschaft und ihre Verbände, das spüren diese heute schon, können sich auf ihre wichtigsten politischen Bündnispartner nicht mehr verlassen.
Schuld daran ist eine konservativ-bürgerliche Lebenslüge: die Vorstellung, Globalisierung sei möglich, ohne den gutbürgerlichen Alltag zu erschüttern. Denn hinter aller gesellschaftlichen Liberalisierung mit Ehen ohne Trauschein, Homo-Ehen und Multikulti konnte selbst der ländliche, aktive katholische Kirchgänger über 50, um die sicherste Bank der CDU/CSU zu nennen, immer noch das Streben nach einer heilen kleinbürgerlichen Welt erspüren. Diese gesellschaftliche Liberalisierung haben die Unionsparteien außerdem nicht aktiv gefördert, sondern erst unter der Parteichefin Angela Merkel akzeptiert.
Abschied vom vertrauten Milieu
Aktiv gefördert haben sie aber Liberalisierung der Märkte und Privatisierungen. Klassisches Beispiel für die Frustration der Konservativen angesichts der selbst gerufenen Geister sind die neuen Medien. Bundeskanzler Helmut Kohl wollte in den 80er-Jahren die vermeintlich linken öffentlich-rechtlichen Anstalten beschädigen und öffnete den TV-Markt für private Anbieter. Herausgekommen ist nicht mehr Meinungsvielfalt, sondern das, was Baden-Württembergs Ministerpräsident Günther Oettinger kürzlich "Scheiß-Privatfernsehen" genannt hat. Der Vorsitzende des konservativsten CDU-Landesverbands sucht damit Verantwortliche für das, was er und seine Wähler als Sittenverfall erleben (auch wenn die Diskussion über das Fernsehen im Internetzeitalter eigentlich schon überholt ist).
Noch viel heftiger auf die Füße gefallen ist den Konservativen ein anderer Versuch der Anpassung an die Erfordernisse der Globalisierung. Die Verkürzung der Schulzeit bis zum Abitur von 13 auf 12 Jahre beschäftigt die Familien mit Kindern wie kein zweites Thema. "G8", die auf acht Jahre verkürzte Gymnasialzeit, war mitentscheidend für die jüngsten Verluste der CDU und CSU etwa bei der hessischen Landtagswahl und den bayerischen Kommunalwahlen. Konservative Bildungspolitiker hatten gerade erst erfolgreich durchgesetzt, dass im Abitur wieder alle klassischen Fächer geprüft werden und damit der "bürgerliche Bildungskanon" von keinem Abiturienten umgangen werden kann. Nun wurde der Stoff von neun Jahren einfach auf acht verteilt, mit Schwerpunkt in der Mittelstufe und damit der Pubertät der Kinder. Schlechte Bildungspolitiker, unfähige Kultusbürokraten und mangelnde materielle Ausstattung etwa mit Schulkantinen spielen beim Ärger der Eltern sicher auch eine große Rolle. Geplatzt ist aber auch der erneute Versuch, "klassische Bildung" gegen die Anforderungen der Moderne zu verteidigen. Wer die Schüler und Familien nicht überfordern will, wird abspecken müssen. Für heutige Schüler ist es nun einmal wichtiger, Open Office von Windows als dorische von ionischen Säulen unterscheiden zu können. In einer Welt, deren Wissen sich alle paar Jahre verdoppelt, geht es ohnehin vor allem darum, das Lernen zu lernen, und weniger um einzelne Inhalte.
Die Bereitschaft der Eltern, ihre Kinder zu Höchstleistungen anzuspornen, wird immer stärker abnehmen, wenn die Eltern selbst das Gefühl haben, dass sich Leistung nicht lohnt. Zwar waren in den Mittelschichten auch zur Zeit des Höchststands der Arbeitslosigkeit nur relativ wenige Menschen von materiellem Abstieg betroffen. Aber es gibt die weitverbreitete Erfahrung, dass Stellen gestrichen werden, auch wenn der eigene Standort oder die eigene Abteilung Gewinne macht, dass 150-prozentiger Einsatz nicht beim eigenen Gehalt, sondern bei dem des Vorstandschefs belohnt wird. Das Argument, dass Inder oder Chinesen billiger arbeiten, können viele Menschen noch nachvollziehen, nicht aber die Finanztransaktionen der Heuschrecken, bei denen schuldenfreie Firmen plötzlich hoch verschuldet dastehen.
Nährboden für extrem rechte Politik
Da kommen uralte Vorurteile hoch, das Bild vom Wucherer etwa, der dem reellen Handwerker das Leben schwermacht. Die in der CDU populäre Idee, staatliche Neuverschuldung nicht nur zu beschränken, sondern ganz zu verbieten, könnte auch eine unterbewusste Abwehrreaktion auf die unübersichtliche Welt der Finanzmärkte sein. Globalisierungsskepsis auf der Rechten kann sogar zum Nährboden für eine neue Rechtspartei werden, vor der sich viele Konservative seit Langem fürchten, vor allem, wenn sie sich SPD und Linkspartei anschauen. Die NPD, die wegen ihrer Nähe zur Gewalt für die bürgerliche Rechte nicht wählbar ist, spielt bereits die "nationale Karte" gegen die kapitalistische Globalisierung und versucht damit, der Linken Wähler abzuziehen.
Die Union ist bisher vor allem als Globalisierungsbefürworter aufgetreten. Das ist im Prinzip gut, denn Nationalismus und Protektionismus schaden am Ende allen. Die bürgerlich-konservative Elite muss aber offener als bisher über das Unbehagen am Kapitalismus, die Skepsis gegenüber freien Märkten diskutieren. Sie muss akzeptieren, dass eine Globalisierung, von der zuerst die wirtschaftlichen Eliten und dann die einfachen Arbeiter betroffen waren, vor den Mittelschichten nicht haltmacht. Politisch wird das dazu führen, dass etwa die Kultur von Marktprozessen teils ausgenommen wird und dass Forderungen nach weiteren Privatisierungen aus der Programmatik der Union verschwinden. Die Wirtschaftsverbände können froh sein, wenn es angesichts der Stimmung bei den konservativen Wählern dabei bleibt.
Peter Ehrlich ist Chefkorrespondent der FTD.