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Merken   Drucken   07.03.2006, 19:13 Schriftgröße: AAA

Kolumne: Sebastian Dullien: Die Nachfrage schafft sich ihr Angebot   

Deutsche Ökonomen hegen eine gewisse Abneigung gegenüber der Konjunkturanalyse. Kurzfristige Schwankungen seien irrelevant, heißt es oft. Es zähle einzig der langfristige Wachstumstrend. von Sebastian Dullien
Und auf den habe die Konjunktur keinen Einfluss. Der Wachstumstrend ergebe sich aus der Entwicklung von Größen wie Kapitalstock oder Bevölkerung.
Weil aber gerade diese langfristigen Faktoren in Deutschland ziemlich ungünstig seien, könne die deutsche Wirtschaft absehbar nicht mehr so schnell wachsen wie die amerikanische, die britische oder die irische. Besonders bedenklich sei die niedrige Geburtenrate, auf Grund derer die Bevölkerung schrumpfe.
Tatsächlich scheint die Statistik diese Interpretation zu stützen. Der Wachstumseinbruch nach 2000 geht Hand in Hand mit einer Wende in der Bevölkerungsentwicklung: Stieg die Zahl der Einwohner Deutschlands 1999 noch um 130.000, schrumpfte sie im vergangenen Jahr um rund 50.000. Gleichzeitig verlangsamte sich das Wirtschaftswachstum von drei Prozent im Jahr 2000 auf zuletzt 0,9 Prozent. Das kleine Irland dagegen konnte seit 2000 ein jährliches Bevölkerungswachstum von 1,6 Prozent verbuchen. Mit durchschnittlich 7,1 Prozent pro Jahr wuchs die Wirtschaft des Inselstaats in dem Zeitraum so stark wie in keinem anderen Euro-Land.
Geburtenrate zweitrangig
Betrachtet man allerdings die Details der Statistik, so ist der kausale Zusammenhang nicht mehr so eindeutig: Sowohl in Irland als auch in Deutschland ist es in erster Linie die Zu- und Abwanderung, die den Bevölkerungstrend erklärt, nicht eine Veränderung der Geburtenrate. In Deutschland starben schon seit der Wiedervereinigung jedes Jahr mehr Menschen, als geboren wurden. Bis 2002 hat aber entsprechend kräftige Zuwanderung das noch kompensiert.
Auch Irland ist längst nicht mehr das Land der großen Familien, das es mal war. Eine Frau hat dort heute im Durchschnitt weniger als zwei Kinder. Ohne Zuwanderung würde auch die irische Bevölkerung in den nächsten Jahrzehnten schrumpfen. Das anhaltend kräftige Bevölkerungswachstum wird demnach vor allem durch Einwanderung getragen.
Migration aber ist ein Prozess, der stark von der wirtschaftlichen Entwicklung beeinflusst wird - wie man oft im eigenen Bekanntenkreis beobachten kann. Da ist der junge Arzt, der in die Schweiz geht, die Bauingenieurin, die es nach Australien zieht, oder der Philosoph, der plötzlich in einem Callcenter in Amsterdam arbeitet. Der am häufigsten angeführte Grund: die schlechten Chancen auf dem deutschen Arbeitsmarkt. Die Zahl der Deutschen, die ihrem Heimatland den Rücken kehren, ist seit 2000 um fast 40 Prozent auf mehr als 150.000 gestiegen - das ist der höchste Wert seit Beginn der statistischen Aufzeichnung in den 50er Jahren.
Umgekehrt sieht es in Irland aus. Die Wirtschaft boomt, die Arbeitslosigkeit liegt bei knapp vier Prozent. In Berliner Szenemagazinen suchen Callcenter in Dublin per Anzeige Deutsche. Mehr als 50.000 Menschen verlegten 2005 Jahr ihren Wohnsitz nach Irland, 80 Prozent davon kamen aus anderen EU-Ländern.
Dabei scheinen nicht so sehr langfristige Wachstumsaussichten die Wanderungsströme auszulösen, sondern die ganz aktuelle Situation am Arbeitsmarkt. Zwischen Arbeitslosigkeit und Nettozuwanderung ergibt sich sowohl für Deutschland als auch für Irland ein sehr enger negativer Zusammenhang (siehe Grafik).
In Deutschland erreichte die Nettozuwanderung im Wiedervereinigungsboom einen Höhepunkt, bevor der Zustrom in der Flaute der späten 90er abriss. Als die Arbeitslosigkeit im New-Economy-Boom fiel, kamen erneut mehr Menschen hierher. In der Krise seit 2001 fiel der Wanderungssaldo wieder rapide ab.
Ähnlich perfekt ist der Zusammenhang für Irland: In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts schrumpfte die Bevölkerung rapide, weil die anhaltende Wirtschaftskrise die Iren nach Amerika und England trieb. Noch in den 80er Jahren, als die Arbeitslosigkeit 16 Prozent betrug, verließen jährlich rund 40.000 Menschen die Insel. Der Trend drehte mit dem Boom der 90er und dem Rückgang der Arbeitslosigkeit.
Abwanderung als Folge der Krise
Zu- und Abwanderung hat aber langfristige Folgen. Wenn Fachkräfte gehen, verliert ein Land Innovations- und Produktionspotenzial und der Staat Steuereinnahmen. Umgekehrt bei den Zuwanderungsländern: Hier profitiert die Wirtschaft, der Staat freut sich über Mehreinnahmen. Im Idealfall hat sogar noch ein anderes Land die Ausbildung der Zugezogenen bezahlt. Besonders dramatisch ist deshalb, dass zuletzt aus Deutschland vor allem 25- bis 50-Jährige abwanderten - fertig ausgebildete Menschen, die Jahre produktiver Arbeit vor sich haben.
Damit dreht sich der vom Franzosen Jean-Baptiste Say geprägte Glaubenssatz gerade um, jedes gesamtwirtschaftliche Angebot schaffe sich selbst seine Nachfrage. In einer globalisierten Welt mit offenen Grenzen ist es umgekehrt: Ein konjunktureller Boom oder eine Krise führt dazu, dass sich die Angebotsfaktoren anpassen - im Extremfall durch Zu- und Abwanderung.
Für Deutschland birgt diese Erkenntnis zwei Lehren: Zum einen dürfte die lange Konjunkturkrise seit 2001 für das Land wesentlich teurer gewesen sein, als es viele Ökonomen glauben. Zum anderen aber ist die Alterung in Deutschland kein Grund, warum die deutsche Wirtschaft nicht wieder über Jahre hinweg um drei Prozent wachsen könnte. Vorausgesetzt, die Konjunktur kommt in Gang und wir legen Zuwanderern keine Steine in den Weg.
Die Kolumne von Wolfgang Münchau erscheint am nächsten Mittwoch wieder an dieser Stelle.
  • Aus der FTD vom 08.03.2006
    © 2006 Financial Times Deutschland,
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