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Merken   Drucken   25.05.2006, 18:38 Schriftgröße: AAA

Kolumne: Thomas Fricke: Aufschwung aus dem Archiv

US-Makroökonom Greg Mankiw zieht nach zwei Jahren als Bush-Berater ein ernüchterndes Fazit. Für die Praxis habe seine Zunft in Jahrzehnten wenig Neues entwickelt. Dabei wäre der Bedarf durchaus groß.
von Thomas Fricke

In Deutschland kommt es selten vor, in Amerika sehr viel öfter, dass Ökonomen Politik machen, Notenbanker werden oder Präsidenten zuarbeiten. Einer ist der populäre Lehrbuchautor Greg Mankiw, der bis vor gut einem Jahr George W. Bush beraten hat. Umso spannender ist, was Mankiw zum Ausflug in die Praxis schreibt - so wie er es gerade in einer höchst spannenden Analyse getan hat.

  • "The Macroeconomist as Scientist and Engineer", N. Gregory Mankiw, Harvard University, May 2006

Der Harvard-Ökonom legt darin eindrucksvoll komprimiert und selbstkritisch dar, wie sich die eigene Zunft in den vergangenen Jahrzehnten über die großen makroökonomischen Fragen gefetzt hat - ohne dass heute klar erkennbar wäre, was die theoretischen Streits und Modelle Neues gebracht haben. Zumindest wenn es darum gehe, wie Finanz- und Geldpolitiker in der schnöden Praxis auf Konjunktureinbrüche, Inflation oder Arbeitslosigkeit reagierten. Die Erkenntnis ist ernüchternd - und Grund genug für eine Kurskorrektur.

Zweifelhafter Glaube an feste Regeln

Nach Mankiws Diagnose haben die Makroökonomen in den vergangenen Jahrzehnten viel Zeit damit verbracht, sich gegenseitig für überholt, unseriös und tot zu erklären. Erst waren nach 1945 jene en vogue, die Keynes' Ideen mit anderen vereinten und in einfache Modelle packten - mit dem Grundgedanken: Der Markt schafft nicht immer von allein Vollbeschäftigung, manchmal müssen Notenbanken und Regierungen nachhelfen.

Dann kam die Konterrevolution der Monetaristen samt diverser Nachfolger in den 80ern. Die sagten das Gegenteil: Die Politik störe nur und sei mit ihrem Hin und Her schuld, dass es kein stabiles Wachstum gebe. Notenbank wie Regierung sollten sich an feste Regeln binden - etwa, dass die Geldmenge in der Wirtschaft konstant wächst. Nur so ließen sich Erwartungen und Wirtschaft an sich stabilisieren. Basta.

Diese Schule ist heute ebenso überholt (auch wenn sie in Deutschland noch erstaunlich präsent ist). Nächste Konterrevolution, so Mankiw: Seit den 90er Jahren dominieren wieder Keynesianer, die jetzt Neukeynesianer heißen, aus allem etwas herausziehen und Konjunkturpolitik gutheißen, ohne den Glauben an Selbstheilung deshalb völlig abzulegen.

Intellektueller Reiz

Nach Mankiws Urteil hat all das seinen intellektuellen Reiz, klar. Die Ökonomen könnten in vielem besser erklären, warum etwas passiert. Nur sei das eben eher die Welt des Wissenschaftlers und weniger die des Praktikers.

Hier beginnt der bittere Teil. Gerade die US-Notenbank macht seit Jahren alles - nur nicht, sich an Regeln zu binden, wie es die Monetär-Revolutionäre der 70er und 80er Jahre empfahlen. Greenspan habe im Gegenteil gezeigt, dass diskretionäre Geldpolitik gut funktioniere, so Mankiw - statt ins Chaos zu führen, wie radikale Modelle es prophezeiten. Mehr noch: Neuere Studien zeigten, dass selbst fixe Inflationsziele kaum Einfluss darauf haben, wie erfolgreich eine Notenbank im Kampf gegen Inflation sei. Die Währungshüter, die auf solche Regeln verzichten, stehen im Schnitt nicht schlechter da.

Ähnliches gilt nach Mankiws Erfahrung für Regierungen: "Der Einfluss neuerer Theorien liegt nahe null", egal ob sie von neueren Klassikern stammen oder von neueren Keynesianern. Für Bushs Steuersenkungen habe es viele Gründe gegeben, einer der wichtigsten sei aber gewesen, die Konjunktur nach dem Crash 2000 schlicht und einfach zu stützen - "das war eine ursprünglich keynesianische Logik, die Bush explizit verfolgt hat", schreibt der damalige Bush-Berater Mankiw.

Makroökonomische Modelle aus der Nachkriegszeit

Und: Als es 2003 galt, die Folgen abzuschätzen, habe man das mithilfe makroökonomischer Modelle gemacht, die im Grunde von den Denkern der Nachkriegszeit stammten - nicht von den moderneren Nachfahren. Dies gelte auch für die Modelle, mit denen die US-Notenbank Fed heute ihre geldpolitischen Entscheidungen begleite und teste.

All das liege nicht daran, dass die Leute dort nicht mitbekämen, was sich in der Theorie getan habe, so Mankiw. Im Gegenteil: bei Fed und Finanzministerium arbeiteten einige der besten Ökonomen aus Top-Universitäten. Es zeige, "dass die modernere makroökonomische Forschung kaum praktischen Nutzen hat". Was hilft es, Theorien darüber zu entwickeln, dass Konjunkturpolitik überflüssig wird, weil rational denkende Menschen die schwerwiegenden Nebenfolgen antizipieren würden - wenn erstens die Leute das gar nicht so rational erkennen und es zweitens gar nicht so folgenschwer ist, was die USA seit Jahren zeigen?

Elegante, aber sinnlose Hochglanztheorien

Was Mankiw diagnostiziert, trifft nicht die gesamte Volkswirtschaftslehre. Es gibt sicherlich Erkenntnisse, die mehr Nutzen haben. Nur zählt das Analysieren von Konjunkturzyklen und geld- wie finanzpolitischen Zusammenhängen zu den Bereichen, wo der Nutzen schlauer neuer Ratschläge in einer globalisierten Wirtschaft am größten wäre. Notenbanker wie Regierende könnten gerade jetzt praktikable neue Ansätze brauchen, wie sie mit Börsencrashs, Konjunkturrisiken, Devisenturbulenzen, Ölpreisschocks und anderen makroökonomischen Problemen umgehen sollten.

Das Fatale ist, dass ein Gros der Wirtschaftswissenschaftler heute überzeugt ist, dass es die höchste Kunst ist, sich möglichst mathematisch ausgefeilt auf ein Spezialgebiet zu konzentrieren. In der jüngsten Umfrage unter deutschen Ökonomen gab nicht einmal die Hälfte an, dass es wichtig sei, sich mit der aktuellen Wirtschaftslage auszukennen - eher bedenklich, wenn Mankiws Grunddiagnose zutrifft. Die Zunft braucht wieder mehr Leute, die sich mit praktischen Problemen beschäftigen statt mit eleganten Hochglanztheorien.

Thomas Fricke ist Chefökonom der Financial Times Deutschland. Er schreibt immer freitags an dieser Stelle.

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  • FTD.de, 25.05.2006
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