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Merken   Drucken   09.03.2006, 18:24 Schriftgröße: AAA

Kolumne: Thomas Fricke: Der Appetit kommt beim Wachsen  

In Deutschland lösen die Aufschwungsignale merkwürdige Ängste aus - vor plötzlichen konjunkturellen Überhitzungen, Umweltfolgeschäden oder nachlassendem Reformdruck. Dabei wirkt Wachstum Wunder.
Die einen fürchten, die Wirtschaft könnte plötzlich so schnell wachsen, dass Inflation kommt. Die anderen sorgen sich, was das Wachstum für die Bäume bedeutet. Und die Dritten finden die Erholung überhaupt furchtbar: weil jetzt Leidensdruck und Reformbereitschaft bei den Deutschen angeblich schwinden. Der Aufschwung als größter anzunehmender Unfall sozusagen.
Für solche Sorgen muss man wahrscheinlich aus dem Land der Schwermut kommen. Kaum ist die Krise vorüber, kursiert Angst vorm Aufschwung. Dabei gibt es wenig Belege dafür, dass sich Probleme bei stagnierender Wirtschaft besser lösen lassen. Im Gegenteil. Die Deutschen sollten jeden Zehntelpunkt Wachstum fördern - und feiern wie den Gewinn der Fußball-WM (zumal Letzteres noch nicht hundertprozentig ausgemacht scheint).
Gesundwachsen statt Zähneklappern
Bislang ist noch keinem Land gelungen, Arbeitslosigkeit abzubauen, ohne dass die Wirtschaft expandierte und dafür Arbeitskräfte brauchte. Umgekehrt steht der Beleg aus, dass es den Bäumen auf Anhieb besser geht, wenn die Wirtschaft stagniert und die Arbeitslosigkeit steigt.
Wie schnell Wachstum Wunder wirkt, lässt sich daran erahnen, wie schnell Aufschwünge, wenn sie einmal in Gang kommen, Eigendynamik gewinnen. Seit Unternehmen in Deutschland wieder investieren, mehren sich die Zeichen, dass wieder mehr eingestellt als entlassen wird. Das erklärt, warum die Konsumlaune zulegt, was wiederum Wachstum schafft, Investoren anzieht, noch mal Jobs bringt und so weiter.
Frei nach der Zähneklapper-Theorie müsste alles reformiert werden, bevor Wachstum überhaupt entsteht. Jetzt könnte sich zeigen, dass das mindestens so gut umgekehrt funktioniert.
Beispiel Staatshaushalt: Seit die Konjunktur anzieht, gibt es fast monatlich Meldungen über unerwartete Steuer- und Beitragseinnahmen. Plötzlich kann das deutsche Defizit schon 2006 unter drei Prozent sinken - ganz ohne neue Sparpakete. Irgendwann beschleunigt sich der Abbau im Aufschwung von selbst. Das liege am umgekehrten Zinseszinseffekt, sagt David Milleker von der Allianz. Jeder Punkt Wachstum lasse das Defizit dann um 0,7 Punkte sinken. Und der Staat hätte wieder Geld, um in Zukunft zu investieren. Noch mehr Wachstum.
Beispiel Arbeitslosigkeit: Nach gängigen Studien tragen Krisen stark dazu bei, den Arbeitsmarkt zu verkrusten - weil jeden Monat mehr Arbeitslose zu (schwer vermittelbaren) Langzeitarbeitslosen werden. Oder weil bei Beschäftigten der Mut zum Jobwechsel schwindet und die Zahl der Stellenwechsel in der Rezession stark zurückgeht, wie der Berliner Arbeitsmarktforscher Ronald Bachmann herausfand. Folge: eine immer weniger effiziente Stellenbesetzung. Erst höheres Wachstum sorgt dann für nachlassende Verkrustung - nicht umgekehrt.
Nach Studien der Internationalen Arbeitsorganisation ILO steigt die Produktivität von Beschäftigten bei nachlassender Sorge um den Job. Auch das widerspricht Stammtischtheorien, wonach Angst stets Leistung steigert. Zu viel Angst blockiert. Das könnte auch für die kollektive Sorgenstarre der vergangenen Krisenjahre gelten, zumal umgekehrt viele Betriebe aus lauter Not auf Billigkräfte setzten und Ausbildungsinvestitionen gekürzt haben - auch das ein Kriseneffekt, der nicht unbedingt wachstumsfördernd wirkt und jetzt nachlässt. Konjunkturanalysen bestätigen: Die Produktivität steigt vor allem in Aufschwungphasen.
Kurze Wochen- und Lebensarbeitszeiten gelten als Wachstumshemmnis. Dabei wird in Deutschland natürlich auch deshalb weniger gearbeitet, weil es kein Wachstum gibt. Ähnliches gilt in Sachen Kinderkriegen. Die Geburtenraten steigen vor allem da, wo die Wirtschaft gut läuft, was wiederum der Demografie hilft und so Wachstum stützt. Ohne die Stagnation von Wirtschaft und Beitragseinnahmen hätte es die jüngsten Rentenkrisen nicht gegeben.
Aufschwung löst Strukturprobleme
Selbst manche Strukturreform dürfte sich (erst) im Aufschwung auszahlen - nicht umgekehrt. Mitten in der Krise war es grotesk, Arbeitslose über Hartz IV zur Annahme von Jobs zu zwingen, die es gar nicht gab. Das funktioniere erst, wenn die Wirtschaft wachse, sagt der renommierte Arbeitsmarktökonom Richard Layard. In Großbritannien trat der New Deal in Kraft, als die Wirtschaft 1997 schon mehrere Jahre mit durchschnittlich drei Prozent gewachsen war.
Gerade das zeigt zugleich, wie abwegig die These ist, wonach in guten Zeiten nichts reformiert wird. Auch Amerikas radikale Sozialhilfereform wurde zu Boom-Zeiten entschieden. Richtig ist nur, dass Deutschlands Politiker und Untergangspropheten im Aufschwung natürlich auf anderes als plumpes Angstmachen setzen müssen, wenn sie Reformen preisen. Sagen wir: mitreißend überzeugende Argumente, um einen sehr gewagten Vorschlag zu machen.
Nach Schätzung der Allianz-Ökonomen entstehen in Deutschland heute ab einem Prozent Wachstum bei jedem weiteren Punkt 300.000 bis 400.000 Arbeitsplätze. Also würden drei Jahre mit zweieinhalb bis drei Prozent Wachstum reichen, um rund zwei Millionen Jobs zu schaffen: Arbeitslosigkeit fast halbiert. Klingt utopischer, als es womöglich ist. Immerhin haben das andere Krisenländer wie Holland, Dänemark und jetzt Japan geschafft. Und: Dass auch die Deutschen für Überraschungen gut sind, lassen schon die jüngsten Aufschwungsignale und Prognoserevisionen ahnen.
Das wirklich Gefährliche ist eher, dass Bundesregierung wie Euro-Zentralbank vor lauter Angst das Wachstum bremsen, bevor es mit jedem zusätzlichen Punkt und Jahr wundersam Wirkung entfaltet. Höhere Zinsen sind ebenso absurd wie höhere Mehrwertsteuern.
Mit dem Aufschwung ist es wie mit der deutschen Nationalelf: Wenn das Turnier einmal läuft, wird die Holper- zur Erfolgstruppe. Das ist halt so. Der Schwung kommt beim Wachsen. Fortsetzung folgt.
Thomas Fricke ist Chefökonom der FTD. Seine nächste Freitagskolumne erscheint am 31. März.
  • Aus der FTD vom 10.03.2006
    © 2006 Financial Times Deutschland,
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